“Zu verkaufen” stand auf dem Schild, in dessen Schatten ein dicker schwarzer Kater lag und schlief. Drei Personen kamen über den Kiesweg auf das Schild zu, die dickliche Maklerin, die den Verkauf des Hauses übernommen hatte und ihre ersten Interessenten, ein junger Mann und eine ältere Frau mit dichten grauen Haaren.
“Ich gehe schon mal voraus und schließe auf,” sagte die Maklerin und beschleunigte ihre Schritte.
“Ach, sieh mal, Klaus, eine Katze.”
Die ältere Frau, die Tante des jungen Mannes, ging auf das Tier zu, um es zu streicheln. Aber der Kater sprang auf, buckelte und stieß einen hässlichen Laut aus.
“Komm zurück und lass das Biest in Ruhe, der sieht aus, als ob er gerne kratzt und beißt.”
Klaus zog seine Tante zurück, die ganz enttäuscht war.
“Ob der zum Haus gehört?”
“Hoffentlich nicht.”
Zum Haus gehört, dachte der dicke schwarze Kater, umgekehrt ist es richtig: Das Haus gehört mir. Irgendwie kam er sich bei diesem Gedanken größenwahnsinnig vor. Seit 15 Jahren wohnte er hier und sein Mütterchen, mindestens so alt wie er selbst – in Menschenjahren natürlich – war vor kurzem gestorben. Sie hatte ihm dieses Haus und einen dicken Batzen Geld hinterlassen, sodass er sich keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen musste. Sich auf Lebendfutter umzustellen, wäre ihm in seinem Alter wohl auch sehr schwer gefallen.
Er sah hinter den Leuten her und fragte sich, was die wohl hier wollten. Waren sie zu seiner Betreuung eingestellt worden, so wie Marta für die Betreuung seines Mütterchens da gewesen war? Dann war die Annäherung der Frau freundlich gemeint gewesen und er hätte nicht so katzig sein sollen. Aber aus dem Mittagsschlaf geweckt werden von einer fremden Person, die noch dazu gar nicht gut roch, da konnte er sich seinen Wutanfall verzeihen.
Brauchte er eigentlich Betreuung? Er kam doch so ganz gut zurecht. Marta versorgte ihn mit allem, was er brauchte. Doch halt, da fiel ihm wieder ein, Marta war ja auch gestorben. Gestern, oder war es schon vorgestern gewesen, lag sie mit offenen Augen und offenem Mund in ihrem Bett und als der Doktor kam, der auch am Abend vorher schon da gewesen war, da hatte der ihn gestreichelt und gesagt:
“Na, mein Dicker, jetzt bist du ganz allein. Aber ins Tierheim wirst du nicht müssen, bei der dicken Erbschaft, die du gemacht hast. Die arme Marta hat ja nicht mehr viel davon gehabt. Hätte noch ein paar Jahre mit dir zusammen leben sollen ohne alle Sorgen.”
Also war das wohl doch die neue Betreuung. Der dicke schwarze Kater lief eilig ums Haus herum und zur Hintertür hinein, um zu hören, was wohl vorne in der Halle geredet wurde.
“Eine sogenannte Fabrikantenvilla, alles großzügig, mehr als genug Raum. Ganz besonders interessant ist der angebaute Turm. Oben hat die vorherige Eigentümerin gewohnt, wie eine Einsiedlerin. Die beiden unteren Stockwerke haben praktisch leer gestanden, denn Feste hat sie in den letzten Jahren nicht mehr gefeiert. Und Besuche hatte sie keine. Die Freundinnen tot, die Verwandten … na ja. Aber jetzt wollen wir mal zur Besichtigung kommen.”
Stimmte sogar, was die Dickliche erzählt hatte, dachte der Kater, vor allem die Andeutung über die Verwandtschaft. Geier, nichts als Geier, hatte sein Mütterchen – Cäcilie von Borghausen – sie immer genannt. Hatten ihre Burg umkreist und auf ihren Tod gewartet. Das hatte sie oft zu Marta gesagt. Aber die werden sich wundern, hatte sie meist hinzugesetzt.
Burg, das stimmte nicht ganz. Das Haus war keine hundert Jahre alt und keineswegs von einem Rittergeschlecht erbaut. Der Vater seiner Mütterchens hatte genug Geld gehabt, so ein riesiges Haus zu bauen. Sein Mütterchen hatte ihr Leben lang hier gewohnt. Als sie heiratete, war ihr Mann ins Haus gezogen, groß genug für sie beide und eine große Kinderschar war es ja. Aber aus der großen Kinderschar war nichts geworden. Ihr Mann, von dem sie oft erzählte, war im Krieg umgekommen. Schön und jung waren sie damals gewesen, beide.
Nach dem Krieg musste die Fabrik der Eltern wieder aufgebaut werden, da hatte sie keine Zeit gehabt, sich einen neuen Mann zu suchen. Die Auswahl war auch nicht groß gewesen und Kompromisse wollte sie nicht machen. Na, dem dicken schwarzen Kater konnte es recht sein, keine Konkurrenz.
Die Küche und die sogenannten Gesellschaftsräume hatten die Leute jetzt besichtigt. Das sollten jetzt Büro- und Konferenzräume werden, hörte er. Wozu eigentlich Konferenzräume, was genau war das eigentlich? Die Frau sollte sich ein Zimmer aussuchen und sich um ihn kümmern, er hatte Hunger. Aber die Leute gingen gemeinsam die breite Treppe hinaus und verschwanden in den Wohnräumen, den früheren Wohnräumen.
“Das muss natürlich alles noch renoviert werden, das wird von den Erben übernommen”, sagte die Dickliche und die beiden anderen brummten dazu.
“Die Möbel werden demnächst abgeholt, das meiste geht zur Auktion. Hatte ja einen guten Geschmack, die Frau von Borghausen. Das werden Sie erst recht in ihren Privaträumen sehen.”
Weiter gingen sie die Treppe hinauf, während unten der dicke schwarze Kater knurrte. Als er oben nichts mehr hörte, entschloss er sich, hinter ihnen herzulaufen.
“Hier ist dann der Übergang vom Haus zum Turm, passen Sie …”.
Die Frau, sie hieß Emmi Bierbaum, knickte zusammen und stieß einen Schmerzenslaut aus. Die Warnung war zu spät gekommen.
“Passen Sie auf, wollte ich sagen, aber leider war es zu spät. Das tut mir leid.”
“Nicht Ihre Schuld, hätte besser aufpassen müssen.”
Emmi Bierbaum setzte sich mit Unterstützung ihres Neffen in den nächsten Sessel, zog den Schuh aus und massierte ihren Knöchel.
“Wird schon nicht so schlimm sein. Bitte, Klaus, besichtige du weiter.”
“Viel ist von hier aus nicht zu besichtigen, es geht nur hinunter in das Zimmer der Haushälterin und weiter unten zurück zur Halle.”
Ein Poltern war zu hören, ein Schrei und
“Du verdammtes schwarzes Biest, was hat du hier verloren? Scher dich weg, sonst gibt es was.”
Der Kater war längst weg. Die Dickliche war die letzten Stufen herunter gestürzt und Klaus rutschte auf dem Hosenboden nach.
“Diese Treppe werden Sie nur selten benutzen, alle Räume oben im Turm sind auch von der Haupttreppe aus zu erreichen.”
Die Dickliche und Klaus kamen durch die Halle wieder zur Haupttreppe und stiegen sie hinauf zu Emmi Bierbaum. Die hatte inzwischen den Schuh wieder angezogen und kam ihnen entgegen.
“Da sind wir also beide gestolpert, ob das eine schlechte Vorbedeutung ist?”
“Aber Tante Emmi, wer wird denn an so etwas glauben?”
“Ich, mein Lieber.”
“Aber Tante Emmi, das Haus ist ideal gelegen. Wir können alles unterbringen. Das ganze Büro, oben deine und meine Einrichtung.”
Die Dickliche hielt sich zurück. Das fand der dicke schwarze Kater ganz klug, er kapierte allerdings immer noch nicht, warum seine Betreuerin ein Büro einrichten musste und außerdem noch einen Neffen hier wohnen lassen wollte. Noch dazu einen, der keine Katzen leiden konnte. Dem musste er unbedingt zeigen, wer hier der Herr im Haus war. Er strich ganz vorsichtig an seinem Hosenbein entlang, so vorsichtig, dass der Mann es gar nicht merkte. Bis er hinuntersah und dem Kater geradewegs in die großen fahlen Augen.
“Warum starrst du mich so an. Geh weg, oder ..”
Die Dickliche entschloss sich zu reden.
“Setzen wir uns doch einen Augenblick.”
“Ich habe den Auftrag zum Verkauf vom Sprecher der Erbengemeinschaft. Neffen und Nichten der Verstorbenen.”
“Ja, und?”
“Es scheint nicht unumstritten zu sein, dass die Erbengemeinschaft das Recht hat, das Haus zu verkaufen.”
“Mit anderen Worten, wir sollen einen Vertrag mit Leuten schließen, die gar nicht die rechtmäßigen Erben sind?”
“Nein, nein, Erben schon. Nur dieses Haus gehört – dem Kater.”
“Das soll wohl ein Witz sein?”
“Das denkt die Erbengemeinschaft auch und ihre Juristen sagen ihnen, dass ein Tier nicht erben kann.”
“Also wo liegt das Problem?”
“Eine der Nichten ist der Auffassung, man müsse den letzten Willen der Verstorbenen respektieren. Das Tier sollte von der Haushälterin, die eine Rente erhalten hatte, versorgt werden, bis es stirbt. Nun ist allerdings die Haushälterin verstorben und das Haus soll möglichst schnell verkauft werden.”
“Und was meint jene Nichte dazu?”
“Noch gar nichts, sie wohnt in Süddeutschland und weiß bisher nichts vom Tod der Haushälterin. Man will vollendete Tatsachen schaffen.”
“Nun gut, Sie zeigen uns den Totenschein der Haushälterin und wir lassen uns bestätigen, dass ein Kater nicht erben kann. Tante Emmi, was meinst du?”
“So schön das Haus ist, ich habe Bedenken.”
“Bis die rechtliche Seite geklärt ist, kannst du noch nachdenken, Tante Emmi.”
Emmi Bierbaum wandte sich an die Dickliche:
“Klaus ist mein einziger Verwandter, ich würde ihm den Gefallen gern tun, aber ich brauche noch etwas Zeit.”
“Das ist in Ordnung. Ich werde die Erbengemeinschaft verständigen und man wird sicher Verständnis haben.”
Der dicke schwarze Kater war entsetzt. Man wollte ihm sein gutes Recht streitig machen. Fremde Leute sollten in seinem Haus wohnen. Die schönen Möbel seines Mütterchens sollten hinausgetragen werden. Die Tante schien Katzen ja leiden zu können, aber dieser Klaus – ein Ekel.
Er schlich in die Küche, um nachzusehen, ob er noch irgendwo etwas zu beißen hatte. Nichts. Da hörte er Schritte, ah, die Dickliche.
“Na, du kleiner Racker, hast Hunger, was?”
Sie öffnete eine der Dosen, die auf dem Küchenschrank standen, und gab ihm eine Portion auf den Teller. Gierig schlang er die Brocken, rutsch, rutsch, waren sie unten.
“Noch einen Nachschlag, ja?”
Schon gab es eine neue Portion, die ebenso schnell verschwand.
“Da muss ich mir aber etwas einfallen lassen,” meinte die Dickliche.
Erfreulicherweise hatte sich die Dickliche tatsächlich etwas einfallen lassen. Jeden Morgen und jeden Nachmittag kam die Haushälterin aus der Nachbarvilla und gab dem dicken schwarzen Kater Futter aus den Dosen, die die Dickliche vorbei gebracht hatte.
Im Haus war es friedlich, nachdem die Möbel abgeholt und die Handwerker endlich fertig waren mit den Renovierungsarbeiten. Aber die Ruhe währte nicht lange, da wurden neue Möbel gebracht und der dicke schwarze Kater erinnerte sich, dass da einmal Leute gewesen waren, die hier wohnen wollten. Als erstes zog Tante Emmi ein. In Mütterchens frühere Privaträume.
Tante Emmi stand am Fenster ihres Turmzimmers und blickte hinunter auf die vielen gelben Blätter, die unter den Linden lagen. Dazwischen raschelten zwei Enten, die vom See herüber gekommen waren.
“Es ist Herbst geworden,” sagte sie zu sich selbst und der dicke schwarze Kater stimmte ihr schweigend zu. Herbst war es und schon früh am Abend kalt und dunkel. Er strich nun wieder lieber durch das Haus als durch den Garten. Tante Emmi störte das nicht, sie mochte ihn ja. Es gab wieder morgens und abends Futter wie zu Zeiten von Mütterchen und Marta.
Mütterchen und Marta hatte er übrigens jetzt schon zweimal des Nachts in der Empfangshalle sitzen sehen, wie sie miteinander flüsterten.
“Es wird Herbst und es ist so dunkel im Haus. Wenn doch Klaus schon eingezogen wäre.”
Ach, Tante Emmi sprach nicht mehr mit ihm, sie telefonierte mit ihrer Freundin Helga.
“Frühestens nächste Woche,” antwortete sie auf eine Frage.
“Letzte Nacht hatte ich übrigens ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Der schwere Vorhang vor der Tür zum Wohnzimmer blähte sich, als ob jemand die Tür dahinter weit geöffnet hätte. Ich war aufgewacht, weil ich ein Geräusch gehört hatte, als ob jemand, der am Stock geht, die Treppe heraufgekommen wäre.”
“Nein, nein, es war natürlich niemand da, der Vorhang fiel wieder zurück und gehört habe ich auch nichts mehr.”
“Ja, ja, es ist eben alles ungewohnt so kurz nach dem Einzug. Ich werde sobald wie möglich die Wendeltreppe abdecken lassen, von unten her zieht es ganz schön.”
“Bis dann mal, Helga.”
Tante Emmi ging hinüber ins Wohnzimmer, knipste alle Lampen an und setzte sich in ihren bequemen Ohrensessel. Der dicke schwarze Kater folgte ihr. Eigentlich war schon Essenszeit, aber hier oben war es gemütlich warm und so beschloss er, geduldig zu warten, bis Tante Emmi hinunter gehen würde, um sich selbst etwas zu essen zu machen. Bis dahin konnte er noch ein wenig schlafen.
Kaum war er eingeschlafen, schreckte er auch schon wieder hoch. Tante Emmi war aufgesprungen, hatte hysterisch geschrieen und rannte jetzt zum Fenster. Ob jemand auf dem Balkon war? Das war eigentlich unmöglich. Tante Emmi riss aber die Balkontür auf und schaute hinaus. Dann knallte sie sie wieder zu und ließ die Jalousie herunter. Zitternd saß sie jetzt in ihrem Sessel. Was mochte in ihr vorgehen?
Endlich hatte Tante Emmi sich beruhig, aber hier oben wollte sie nicht bleiben.
“Komm, Dicker, wir machen uns was zu essen.”
Auch die Küche erstrahlte in hellstem Licht, als der dicke schwarze Kater zur Tür hereinkam. Das angenehme Geräusch des Dosenöffners zog ihn an. Erwartungsvoll setzte er sich hin – sprang aber gleich wieder hoch. Sein gelbes Bällchen war gegen seine Schwanzspitze gerollt.
“Was soll das denn?” fragte Emmi.
“Ich dachte du hättest Hunger und nun willst du erst mit dem Bällchen spielen?”
Der dicke schwarze Kater sah sein Mütterchen an der Tür stehen und lächeln. Er legte seinen Kopf schief und versuchte zu verstehen.
“Komm und iss,” sagte Emmi und der Kater sah zu ihr hin. Als er den Kopf wieder zur Tür wandte, war sein Mütterchen fort.
Tante Emmi macht ihr Abendessen zurecht, deckte den Tisch in der Küche und versuchte zu essen. Aber offensichtlich hatte sie keinen Appetit. Sie räumte alles wieder fort und ging langsam die Treppe hinauf in ihr Wohnzimmer.
Der dicke schwarze Kater hatte jedoch einen guten Appetit, aß alles auf und freute sich auf einen gemeinsamen Abend. Aber als er nach oben kam, stellte er fest, dass sein Mütterchen nicht da war. Tante Emmi hatte das Fernsehgerät eingeschaltet und starrte schweigend geradeaus ohne ihn zu beachten. Erst Stunden später stand sie auf und ging in ihr Schlafzimmer im Turm.
Dort wurde sie schon von seinem Mütterchen erwartet. Sie stand am Fenster, auf ihren Stock gestützt und starrte Tante Emmi an. Die trat einen Schritt zurück, als hätte sie etwas bemerkt und hätte ihn beinahe getreten. Er lief hinüber zu seinem Mütterchen und strich an ihrem langen Rock entlang. Tante Emmi starrte zu ihm hin und ließ das Glas mit Wasser fallen, das sie in der Hand hatte. Das erschreckte ihn so, dass er fort sprang und hinter seinem Mütterchen das Zimmer verließ.
Sie gingen zusammen ins Wohnzimmer und sein Mütterchen verließ den Raum durch die Balkontür.
Am anderen Morgen herrschte schon früh eine hektische Atmosphäre. Klaus war da, frühstückte mit Tante Emmi und verschwand dann in den Büroräumen. Die Einrichtung sollte heute geliefert werden. Tante Emmi setzte mehrfach an, um ihm etwas über den gestrigen Tag zu erzählen, aber er wollte selbst über so vieles reden, dass sie einfach nicht dazu kam.
Der Abend kam, Klaus blieb zum Essen. Heute wurde im Esszimmer nebenan gedeckt.
“Klaus,” sagte Tante Emmi,” ich muss dir etwas erzählen.”
“Na, dann schieß mal los.”
“Es spukt.”
“Du spinnst. Entschuldige, Tante Emmi, aber das kann ich nicht glauben.”
“Bleib heute Nacht hier, dann kannst du es selbst erleben.”
“Und wo soll ich schlafen? Meine Möbel kommen doch erst in der nächsten Woche.”
Der dicke schwarze Kater hörte von der Tür her zu. Er fragte sich, ob sein Mütterchen auch diesen Klaus ärgern würde. Er wünschte es sich sehr, aber daraus wurde nichts.
“Nächsten Montag ziehe ich ein, dann können wir gemeinsam Gespenster jagen. Falls sie bis dahin noch existieren.”
Er lachte und verspeiste mit gutem Appetit sein Essen. Tante Emmi schluckte den letzten Bissen hinunter und sagte ganz verzagt:
“Wie du meinst, Klaus.”
“Komm, Tante Emmi, wir trinken noch eine Flasche zusammen, dann hast du die nötige Bettschwere und schläfst durch bis morgen früh. Egal, ob es spukt,” fügte er noch hinzu und grinste.
Klaus öffnete eine Flasche in der Küche und gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf. Klaus schenkte ein und hielt plötzlich inne. Tante Emmi starrte zur Tür, die ging auf.
“Wie von Geisterhand geöffnet”, lachte Klaus.
“Da hast du dein Gespenst, das schwarze Vieh ist also immer noch hier.”
Tante Emmi seufzte auf, lachte verlegen und ließ sich in den Sessel zurückfallen.
“Vielleicht hast du Recht”, sagte sie, aber es war ihr anzusehen, dass sie es nicht glaubte.
“Auf dein Wohl, Tante Emmi, und auf schöne Jahre hier in unserem Haus. Oder vielmehr in deinem Haus.”
Klaus verabschiedete sich und Tante Emmi wurde es schwer ums Herz. Für eine Stunde hatte sie die letzte Nacht vergessen, aber nun stand die Nächste bevor. Sie ging zum Fenster, um frische Luft hereinzulassen – und starrte in ein Gesicht.
Mein Spiegelbild, dachte sie, aber im nächsten Augenblick war das Gesicht, das Spiegelbild, verschwunden. Hatte sie sich gestern also doch nicht getäuscht. Draußen war jemand gewesen. Der dicke schwarze Kater sah, wie Tante Emmi zu weinen begann. Sie schluchzte wie ein kleines Kind.
“Was mach ich nur, was mach ich nur.”
“Wenn ich die Polizei anrufen, dann lachen die mich doch aus. Ich sitze hier im zweiten Stock, wie soll da jemand auf den Balkon gekommen sein. Aber ich muss was unternehmen.”
“Hier ist Emmi Bierbaum, Seestraße Nummer 10. Hier ist ein Einbrecher, ich habe ihn auf dem Balkon gesehen. Können Sie herkommen?”
“Nein, nicht in der Wohnung, auf dem Balkon. Jetzt ist er allerdings weg. Er wird aber noch auf dem Grundstück sein.”
“Sie schicken also jemanden vorbei, danke.”
Kurz danach klingelte es unten, Tante Emmi lief hinunter und sprach mit einem Polizisten. Der ging ums Haus, Tante Emmi und der dicke schwarze Kater hinterher.
“Sie sind vor kurzem erst eingezogen?”
“Ja, vor drei Tagen, nein, vor vier Tagen.”
“Und Sie wohnen ganz allein in dem großen Haus?”
“Ja, aber nur für ein paar Tage, am Montag zieht mein Neffe ebenfalls hier ein.”
“Ist das da oben der Balkon?”
“Ja.”
Der Polizist leuchtete mit einer starken Taschenlampe nach oben.
“Haben Sie sich nicht doch geirrt? Ich kann gar nicht sehen, wie jemand da oben hin gekommen sein soll.”
Tante Emmi starrte schweigend nach oben.
“Ich kann es mir eigentlich auch nicht vorstellen,” sagte sie.
Seltsam, dachte der dicke schwarze Kater, dass niemand sein Mütterchen sah. Sie stand doch deutlich sichtbar oben auf dem Balkon.
“Ich muss mich wohl bei Ihnen entschuldigen, dass ich sie habe herkommen lassen.”
“Macht nichts, wir werden die Augen offen halten und noch ein paar Mal hier vorbeifahren. Ein schönes großes Haus haben Sie da gekauft.”
“Nicht für mich allein, sondern in erster Linie für meinen Neffen, er richtet sich hier ein Büro ein.”
Der Polizist ging zum Auto zurück und die Scheinwerfer beleuchteten beim Zurücksetzen das ganze Haus. Auch den leeren Balkon.
Ganz langsam ging Tante Emmi zurück ins Haus. Als sie sah, dass der Kater drinnen war, schloss sie die Tür ab und verriegelte sie zusätzlich.
“Als ob das was nützen würde”, sagte sie zum Kater und beide gingen die Treppe hinauf.
Ins Schlafzimmer ging Emmi aber noch nicht. Sie setzte sich hin, stand auf, setzte sich wieder und stand wieder auf. Dann hob sie einen kleinen Tisch auf und nahm ihn mit in ihr Schlafzimmer. Sie drehte ihn um und schob ihn über die Öffnung der Wendeltreppe. Das schien sie zu befriedigen, denn sie ging ganz beschwingt in ihr Badezimmer.
Der Kater saß neben ihrem Bett und wartete auf sie. Er bemerkte, dass sich der Tisch ein wenig verschob und dass sein Mütterchen heraufspähte. Als die Tür des Badezimmers aufging und Tante Emmi herauskam, schob sich der Tisch vorsichtig in seine vorherige Lage zurück.
Tante Emmi ging ins Bett, ließ aber alle Lichter an. Der Kater versuchte, sich am Bettende einzurichten, aber Tante Emmi schubste ihn hinunter. Soweit waren sie noch nicht, sie wohnten ja erst ein paar Tage zusammen.
Tante Emmi war eingeschlafen trotz der Helligkeit. Der dicke schwarze Kater hörte jemanden die Wendeltreppe herauf schlurfen. Das konnte nur Marta sein. Genauso hatte es sich immer angehört, wenn sie nachts heraufkam, um seinem Mütterchen noch etwas zu bringen. Der Kater spähte zur Treppe hin und sah, dass der Tisch sich wieder bewegte. Ja, es war Marta und dicht hinter ihr sein Mütterchen. Wollten sie beide hier oben schlafen, so wie früher manchmal, wenn sein Mütterchen krank war?
Nein, wohl nicht. Sie gingen langsam rückwärts die Treppe wieder hinunter. Nicht so leise, wie sie gekommen waren, nein, sie polterten tüchtig. Sie wollten, dass Tante Emmi sie hörte.
Und sie wurde tatsächlich wach, sah sich um, sah nur den Kater. Aber sie hörte etwas. Sah zur Treppe. Der Tisch beiseite geschoben. Sie musste nachsehen. Nichts zu sehen, alles dunkel. Nur die schlurfenden, tapsenden Laute.
“Wer ist dann da, verdammt noch mal!
Was wollen Sie von mir?
Bleiben Sie stehen!”
Sie knipste das Licht an, das die Wendeltreppe beleuchtete. Aber sie sah immer noch nichts. Das machte sie mutig. Sie begann hinunter zu steigen, um endlich Klarheit zu bekommen.
Der dicke schwarze Kater schob sich vorsichtig bis zum Rand der Treppe. Gerade in diesem Augenblick hob sein Mütterchen den Stock. Emmi sah ihn – natürlich – nicht. Sie stürzte die Treppe hinunter und schlug unten auf dem Fliesenboden auf. Sein Mütterchen und Marta lachten und verschwanden, ohne sich um Emmi oder den Kater zu kümmern.
Als Klaus am nächsten Morgen kam, fand er seine Tante, seit Stunden schon tot. Er alarmierte einen Arzt, der die Polizei. Der Beamte, der in der Nacht da gewesen war, erinnerte sich, dass die Verstorbene jemanden im Haus gesehen hatte.
Es wurde festgestellt, dass die Verstorbene nicht ausgerutscht war, sondern kopfüber hinunter gestoßen worden war.
Man stellte weiter fest, dass Klaus der einzige Erbe und ziemlich verschuldet war. Ein Alibi hatte er nicht.
Die süddeutsche Nichte der Cäcilie von Borghausen, die gegen den Verkauf des Hauses gewesen war, meinte, Tante Cäcilie habe irgendwie dafür gesorgt, dass das Haus doch dem dicken schwarzen Kater bliebe.
Was aus Klaus wurde, hat der dicke schwarze Kater nie erfahren. Er wurde von der dicklichen Maklerin im Garten des zum Verkauf stehenden Hauses begraben.
Eine Geschichte von Anne Pöttgen
September 27th, 2006 at 18:50
Eine richtig gruslige Geschichte. Der mordende Kater. Katzen sind doch soooo nett.
September 30th, 2006 at 14:39
Hallo, hab natürlich sofort reingeschaut, ist spannend, hab den Krimi aber noch nicht ganz gelesen. Hier erstmal herzlichen Glückwunsch zu der gelungenen Überraschung.
Oktober 9th, 2006 at 10:17
Die Geschichte ist wirklich nett. Diese Verniedlichung und Vermenschlichung von Katzen nervt. Wenigstens ist die Mäusetötende Katze bzw. Kater hier nicht nur der Gute und Nette sondern hat eine Rolle. Auch wenn diese auch wieder vergeistigt ist.
Oktober 9th, 2006 at 10:38
Hallo liebe/lieber Katzenhasser/in,Katzen sind Katzen und Menschen sind Menschen – und die schreiben gern Geschichten.
Dezember 1st, 2006 at 00:00
Ich finde die Podcats-Version etwas zu trocken. Müßte etwas grusliger wirken.