Nach einiger Zeit hörte er Jan in der Küche rumoren. Aha, Abendessen aus der Dose. Er zögerte kurz, ob er gehen sollte oder nicht, aber dann überwog sein ganz gemeiner Hunger und er rannte so schnell er konnte, in die Küche.
„Na, wo bleibst du denn? Hattest wohl heute gar keinen Hunger?“
Der Kater bekam einen kurzen Wutanfall, wusste aber nicht, was er tun sollte, um ihn auszudrücken. Es war nicht leicht mit Jan.
Lustlos schaufelte Jan sein warm Gemachtes in sich hinein. Spülte Bier hinterher und starrte vor sich hin. Was sollte er tun, hier bleiben oder einen Gang ins Städtchen tun. Diese Überlegung stellte er beinahe jeden Abend an. Mal sprach er laut mit dem Kater darüber, mal dachte er leise vor sich hin. Aber dass es jeden Abend dasselbe Problem war, das wusste der dicke schwarze Kater ganz genau.
Gang ins Städtchen tun, das hieß, diese und jene Kneipe besuchen, etwas trinken, etwas essen, etwas quatschen. Und anquatschen natürlich. Und manchmal abschleppen. So wie gestern Bella. Wie der Kater das hasste. Es war ja ganz nett von Jan, dass er ihm aller erzählte, aber leider konnte er Jan nicht sagen, wie unangenehm es für ihn war, sich immer wieder auf eine Neue einzustellen. Kaum hatte er sich an eine gewöhnt, war sie schon wieder passee.
Außer Sybille, die hatte ziemlich lange das Feld behauptet. Und sie hatte seinen Jan glücklich gemacht, das hatte er ihr hoch angerechnet. Sie durfte ihn streicheln, sogar auf den Arm neh-men. Ob sie wohl wiederkommen würde, obwohl gestern diese Bella aufgetaucht war? So ging es ihm durch den Kopf, während er ziemlich schnell seinen Napf leerte.
Jan schien ähnliche Gedanken zu wälzen.
“Ob ich die Sybille mal anrufe?“ fragte er den Kater und sah ihm beim Putzen zu.
Tja, das musst du selber wissen, dachte der Kater und putzte sich weiter. Ihm wäre es schon recht. Aber Jan schien sich an das Telefonat von heute Morgen zu erinnern. Da waren harte Worte gefallen, der Kater hatte es mithören können, so laut hatte Sybille gesprochen. Gesprochen? Geschrieen!
Jan verschwand im Schlafzimmer, zog sich an und kam gut gelaunt wieder heraus.
„Na, dann geh ich mal, mein Dicker.“
Der dicke schwarze Kater wäre auch gern auf Pirsch gegangen, aber das war nicht möglich. Jan hatte es ihm oft genug erklärt. Und oft genug hatte er ihm erzählt, wenn wieder mal die Katze eines Freundes „platt gefahren“ worden war. Was für ein grässliches Wort! Er konnte sich eigentlich nichts Genaues darunter vorstellen, aber er hatte ein scheußliches Gefühl, wenn er es hörte. Also strich er nur durch die Wohnung, von der Küche in die Diele, ins Wohnzimmer, ins Schlafzimmer, zurück ins Wohnzimmer und dann ins Atelier.
“Je t’aime mon amour.“
Schon wieder. Diesmal schon an der Korridortür. Aber irgendetwas war anders. Kein Schwung in der Stimme, eher ein Lallen. Der dicke schwarze Kater flitzte vom Bett herunter. Stockbesoffen – übrigens ein Ausdruck, den er selber oft gebrauchte – kam Jan ins Wohnzimmer, allein. Dabei war er so gut gelaunt losgezogen. Hatte auch gut ausgesehen.
Der nächste Morgen war noch grauer als der letzte. Und der Schnapskater schlimmer als der von Champagner. Heute würden wir am liebsten im Bett bleiben. Aber der Kater trieb Jan und der Hunger den Kater aus dem Bett. Erstmal ein großes Glas Wodka und ein Napf Dosenfut-ter.
“Musste das sein, mein Dicker? Konnten wir nicht schön zu Hause bleiben?“
Wir ist gut, dachte der dicke schwarze Kater und zwinkerte in bisschen.
“Weißt du, was Sybille gesagt hat? Nein, natürlich nicht. Ich sag es dir jetzt: Du bist für mich gestorben, ein für allemal, tot, begraben.“
Der Kater zwinkerte weiter.
“Gestorben, begraben, die wird sich wundern. Ich bin lebendiger als vorher. Na, ja, heute Morgen nicht gerade. Aber später am Tag, da bin ich lebendig. Der werde ich es zeigen.“
Der Kater überlegte, was Jan der Sybille wohl zeigen wollte. Bilder natürlich, was hatte er sonst zu zeigen? Sie schlurften nach nebenan und Jan fing an Farben zu mischen. Zusehends wurde seine Laune besser und nach einer Viertelstunde war er so vertieft, dass er alles um sich herum vergessen hatte. Der Kater kuschelte sich unter der Heizung ein. Er würde nichts verpassen, wenn er jetzt ein kleines Schläfchen machte.
Aber …
Es klingelte wie wild an der Tür. Jan schreckte hoch und knallte unwirsch Pinsel und Putzlap-pen auf den Tisch. Wehe, wenn jetzt jemand störte, der keinen triftigen Grund hatte. Der dicke schwarze Kater lief hinter Jan her zur Tür und wartete mit ihm darauf, wer wohl aus dem Fahrstuhl kommen würde.
“Herbie, du schon wieder, du störst mich heute aber.“
“Jan, hör doch erst, Sybille ist verschwunden!“
“Wieso verschwunden, gestern Abend hat sie mich doch noch wie irre beschimpft.“
“Sie ist nicht nach Hause gekommen heute Nacht. Ihre Mutter hat herumtelefoniert wie wild. Niemand weiß, wo sie ist.“
„Na, komm erst mal rein. Dann überlegen wir mal, wer sie wohl abgeschleppt haben könnte.“
“Erlaube mal, so eine ist Sybille nicht, das musst du doch wohl am besten wissen.“
“Ja, das hast du eigentlich recht. Aber gestern Abend war sie so wütend wegen Bella, da trau ich ihr alles zu.“
“Aber sie ist allein weggegangen aus dem Berger Hof.“
“Dann ist sie eben noch in eine andere Kneipe gegangen.“
“Um die Zeit hat keine mehr geöffnet, das weißt du doch.“
“Stimmt,“ sagte Jan und ließ sich auf seine Couch fallen. Er strich sich mit beiden Händen durchs Gesicht und sah danach aus wie ein Indianer auf Kriegspfad. Herbie starrte ihn an, aber es war ihm nicht nach lachen zumute.
“Wieso kümmerst du dich eigentlich um Sybilles Verschwinden? So gut kennst du sie doch gar nicht und ihre Mutter erst recht nicht.“
Herbie sah verlegen zu Boden.
“Mensch, Herbie, du bist doch nicht etwa scharf auf sie?“
“Scharf auf sie ist nicht der richtige Ausdruck, mein Lieber. Ich habe Sybille gern.“
Schweigend saßen die beiden da. Der dicke schwarze Kater hatte längst kapiert, dass da für ihn nichts zu holen war. Er legte sich beiseite, schloss die Augen, spitzte aber seine Ohren. Immerhin ging es um Sybille.
Der erste Teil der Geschichte ist hier zu finden.




(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)



(5.00 out of 5)