“Was sollen wir also tun, Herbie?“
“Ich dachte, wir gehen zum Berger Hof und von da aus dann doch in alle umliegenden Knei-pen und fragen nach.“
“Kommt mir vernünftig vor. Ich zieh mich eben um.“
Jan ging ins Schlafzimmer, raste aber gleich danach durchs Wohnzimmer und ins Badezimmer. Mit rot gescheuertem Gesicht kam er wieder zurück und machte sich fertig.
Es war schon spät am Nachmittag, grau und dunkel. Die Korridortür ging auf, schweigend kamen Jan und Herbie ins Zimmer.
“Whisky?“ fragte Jan.
„Ja.“
Schweigend saßen die beiden Männer da.
“Es tut mir jetzt verdammt leid, diese Sache mit Bella.“
Jan stellte sein Glas ab und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab.
“Aber weißt du, Sybille hatte in letzter Zeit immer mal wieder von Heirat gesprochen, das hat mich ziemlich genervt.“
“Du wolltest ihr zeigen, dass du immer noch jede haben kannst, und dass du nicht darauf ver-zichten willst.“
„Kindisch“
“Stimmt, kindisch. Du wolltest sie auf keinen Fall heiraten?“
“Doch, das ist ja der Schwachsinn, ich wollte schon, einerseits. Andererseits …“
Der dicke schwarze Kater horchte auf; was heiraten hieß, das wusste er. Da wäre Sybille jeden Tag und jede Nacht hier bei ihnen. Ob ihm das gefallen würde?
Die beiden Männer schwiegen, dann läutete das Telefon.
„Hallo.“
„Ja, der ist hier.“
“Sybilles Mutter, sie will dich sprechen.“
“Hier Herbie, was ist? Ist sie zurück?“
„Ach ja, das ist ja schön.“
Herbie schielte zu Jan hinüber.
„Nein, werde ich nicht.“
“Ja, gut, ich fahr hin.“
Herbie legte den Hörer auf, ging zu Jan hintüber, setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf sein Knie.
„Sie ist wieder aufgetaucht.“
“Wo ist sie?“
“Das wollte mir ihre Mutter nicht sagen.“
„Du hast sie doch gar nicht gefragt.“
“Ja, stimmt, sie hat mir gesagt, dass sie es mir nicht sagen wird.“
“Und wo fährst du hin?“
“Mein Gott, bist du misstrauisch. Ich muss gehen, tschüss.“
Weg war Herbie und Jan starrte mit weit offenen Augen auf die Tür. Da stimmte doch etwas nicht. Er dachte nach, oder er wartete auf eine Eingebung. Das kannte der Kater an ihm. Herbie wusste, wo Sybille war, und jetzt fuhr er hin. Aber wohin? Lange Erklärungen hatte er am Telefon nicht bekommen. Ein Wort musste genügt haben. Welches? Wochenendhaus, rief er laut. Das war’s. Da fuhr Herbie hin.
Jan raffte die Katzensachen zusammen, Futter, Klo und Körbchen. Der dicke schwarze Kater verfolgte seine Aktivitäten mit Interesse. Das hatte mit ihm zu tun.
“Komm, Dicker, wir müssen los. Ich lass mir Sybille nicht wegnehmen.“
Schnell noch ins Badezimmer, das Nötigste für ihn selbst zusammen suchen und es ging los.
Der dicke schwarze Kater machte es sich in seinem Körbchen auf dem Vordersitz bequem und Jan startete mit ziemlich verbissener Miene den Wagen. Inzwischen war es ganz dunkel geworden.
“So ein falscher Hund.“
„Dem werde ich die Suppe versalzen.“
„Als ob der bei Sybille landen könnte.“
In regelmäßigen Abständen stieß Jan diese kurzen Sätze aus. Der Kater hörte mit einem Ohr hin. Dachte aber, dass das alles nicht passiert wäre, wenn Jan nicht vorgestern die Bella mitgebracht hätte. Aber diese Einsicht hatte sich bei Jan noch nicht eingestellt.
Nach einer knappen Stunde bog Jan in einen schmalen Seitenweg ein und fuhr langsam an dunklen Grundstücken hinter Hecken vorbei. Da, da stand Herbies Wagen. Aber im Haus war kein Licht. Jan parkte seinen Wagen ein Stück weiter entfernt und vergewisserte sich, dass nirgendwo Licht war. Dann ging er zum Wagen zurück, ließ ihn an und fuhr langsam weiter bis zu einem Gasthaus, in dem Sybille gern Gäste unterbrachte, die nicht im Haus schlafen sollten.
Wir bleiben hier, Dicker. Die halte ich im Auge.“
Jan fragte nach einem Zimmer, erkundigte sich, ob Herbie hier wohnte. Nein. Verdammt.
Oben im Zimmer wurden erst mal die Katzensachen ausgepackt, ein bisschen Trockenfutter gab es. Aber es bestand Aussicht auf ein Stückchen Fleisch, denn Jan ging gleich nach dem Auspacken nach unten, um zu Abend zu essen.
“Ich muss mich stärken, Dicker, wer weiß, was noch passiert heute Abend.“
Nach einer Stunde stapste Jan die Treppe herauf, gab dem Kater ein Stück Schnitzel und stützte sich mühsam auf dem kleinen Tisch ab. Offensichtlich hatte er sich auch mit Alkoholi-schem gestärkt. Aber die Stärkung bewirkte das Gegenteil und der Kater sah mit Entsetzen, dass sein Jan auf den Boden sackte und sich auf dem Bettvorleger zusammenkuschelte. Er unterbrach sein verspätetes Abendessen und ging zu ihm hin. Heute roch er aber wieder besonders schlecht.
Mitten in der Nacht – der Kater saß am Fenster und sah in die Nacht hinaus – rappelte Jan sich auf, brummte und knurrte, zog seine Sachen aus und kroch ins Bett. Der Kater fand, dass es Zeit wurde und folgte ihm.
Der nächste Morgen war strahlend schön. Das Wetter jedenfalls. Jan erinnerte sich daran, was er hier tun wollte und stand schon verhältnismäßig früh auf. Er holte sich unten eine Kanne Kaffee und eine Zeitung, schluckte irgendwelche Tabletten und stieg nochmal ins Bett. Kaffeetrinken und Lesen konnte man ebenso gut im Liegen wie im Sitzen. Und der Kater lag auch lieber im Bett als auf dem kalten Boden.
Gegen elf Uhr war es dann soweit, dass sich Jan einer Begegnung mit Sybille und Herbie gewachsen fühlte. Der Kater sah, wie er sich reckte und streckte.
„Auf in den Kampf, mein Dicker. Bis gleich.“
Tatsächlich war er gleich wieder da.
“Die verstecken sich vor mir, mein Dicker, Feiglinge.“
Jan setzte sich an den Tisch, fischte einen Zettel aus seiner Brieftasche und schrieb ein paar Worte darauf.
“Komm, wir fahren heim Wir haben Besseres zu tun, als hinter einem falschen Freund und einer treulosen Freundin herzulaufen.“
Jan packte die paar Klamotten zusammen, die sie dabei hatten. Der Kater nahm im Korb Platz und dann zogen sie los. Bei Herbies Auto hielt Jan an und steckte ihm den Zettel an die Wind-schutzscheibe. Beim Anfahren sah er stur geradeaus, aber der Kater, der neugierig über die Kopfstütze an seinem Sitz guckte, sah, wie Sybille und Herbie aus einem Feldweg kamen und auf das Hautor zugingen.
Zu Hause angekommen verschwand Jan erstmal im Badezimmer mit einem Buch und einer Flasche. Das kann dauern, dachte der dicke schwarze Kater und verschwand seinerseits. Das Telefon lockte Jan aus der Wanne.
“Du bist nicht ganz dicht. Du betrügst Sybille nach Strich und Faden und uns beschimpfst du in der übelsten Weise. Noch dazu auf einem offenen Zettel, den jeder lesen konnte.“
“Gib mir sofort Sybille an den Apparat, ich will mit ihr sprechen. Schließlich ist sie meine Freundin und nicht deine.“
“Meine Freundin ist sie nicht und deine ist sie nicht mehr.“
“Das wollen wir mal sehen, gib sie mir jetzt sofort.“
“Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht. Ich bin hier in der Galerie und nicht bei Sybille. Und lass dir ja nicht einfallen, wieder zu ihr zu fahren, sie will dich nicht sehen.“
Jan legte den Hörer auf und sagte zu seinem Kater: „Kommt Zeit, kommt Rat.“ Ihm war immer noch etwas eingefallen, das wusste der Kater. Er war immer derjenige gewesen, der zuletzt lachte. Jan stellte die Flasche, die er immer noch in der Hand gehabt hatte, beiseite. Sie war ohnehin leer. Er zog sich an, ging ins Atelier und sein ganzer Zorn grub sich in das Bild hinein.
Heute Abend war Ausstellungseröffnung. Herbie war noch ein paar Mal da gewesen. Vorges-tern zuletzt, da hatte er mit seinem Assistenten die Bilder abgeholt. Jan und er hatten durchaus freundlich miteinander gesprochen. Aber der Kater hatte den frostigen Unterton wohl be-merkt. Von Sybille war nicht die Rede gewesen, das wäre ihm nicht entgangen. Er trauerte ihr immer noch nach. Ob es Jan genau so ging, wusste er nicht. Er hatte ihm nichts darüber ge-sagt. Heute Abend wird sie bestimmt in der Galerie sein. Wenn nicht wegen Jan, so doch wegen Herbie, kombinierte der Kater. Vielleicht konnte Jan dann alles einrenken. Die Aussichten waren gut, dachte er weiter, denn in den beiden Wochen seit Bella war Jan abends entweder gar nicht weggegangen oder aber allein wiedergekommen. Das musste Sybille doch honorieren.
Ja, und genauso dachte Jan auch. Als er sich fertig machte,um zur Vernissage zu gehen, nahm er den dicken schwarzen Kater auf den Arm und versprach ihm:
“Heute Abend bringe ich sie mit, da kannst du Gift drauf nehmen. Das schaff ich. Und dann halten wir sie einfach hier. Das freut dich doch auch, oder?“
Der dicke schwarze Kater verhielt sich still, ganz sicher war es nicht. Jan setzte ihn ab, ging nochmal ins Bad, kämmte sich, zupfte die Fliege zurecht, entfernte noch ein Staubkörnchen vom Revers seiner Samtjacke, drehte sich rechtsrum und linksrum und seufzte: Mein Gott, bin ich nervös.
Die Zeit ging dahin, der dicke schwarze Kater hatte schon seinen zweiten Rundgang beendet, da hörte er Aufzuggeräusche: Jan kommt. Jan kommt allein. Jan kommt schlurfend. Jan fum-melt mit dem Schlüssel am Schloss herum. Alles ist aus. Gebückt kommt er zur Tür herein, mit einem Ruck nach vorn fällt er gegen die Wohnzimmertür. Von da mit einem weiteren Ruck auf die Couch. Ja, alles ist aus.
Am anderen Mittag sieht der dicke schwarze Kater wie Jan ins Atelier geht. Er kommt hinter-her und da steht Jan neben der Staffelei, zieht ein Tuch von seinem neuesten Bild herunter.
Das ist ja Sybille, denkt der dicke schwarze Kater und hört, wie Jan ganz leise sagt: „Je t’aime, mon amour.“
Den zweiten Teil der Geschichte findet Ihr hier.