Klack, die Tür war zu, und die Schritte seines Frauchens auf der Treppe wurden immer leiser. Nun gut, dachte der dicke schwarze Kater, jetzt bin ich wieder allein. Er starrte noch ein wenig die Tür an und ging dann Schritt für Schritt ins Wohnzimmer, unschlüssig noch, was er jetzt tun sollte.
Aus dem Fenster gucken – ist am Morgen langweilig. Auf Frauchens Sessel setzen – ist auch langweilig, wenn sie es nicht sieht. Auf den Balkon gehen – ist heute zu kalt. Fernsehen gucken – geht nicht, weil es nicht an ist. Außerdem macht er das schon den ganzen Abend lang, wenn er auf Frauchens Schoß sitzt.
Der dicke schwarze Kater schniefte ein wenig vor sich hin. Heute wird wieder ein verdammt langer Tag sein. Langsam reckte er sich hoch zum grauen kalten Fernsehschirm. Ob er wohl je wissen wird, was hinter diesem Schirm ist? Da müssen doch all die bunten Sachen liegen, die er abends dort sieht. Ob er nicht versuchen soll, sie sich auch am Tag einmal zu betrachten? Vorsichtig kratzte er mit seiner linken Pfote über das kalte Glas. Und flutsch – drin war er.
Der dicke schwarze Kater wusste nicht recht, sollte er sich nun wundern, dass er in den bunten Bildern saß oder sollte er stolz sein, dass seine Vermutung richtig gewesen war. Die bunten Bilder waren immer da, nicht nur am Abend.
Aber irgendwie war ihm das auf einmal ganz gleichgültig, in seinem kleinen Katzengehirn wütete ein Wirbelsturm, er schüttelte seinen dicken schwarzen Kopf und sah um sich.
Er staunte nicht schlecht. Von seinem Platz auf der Fensterbank aus sah er die ganze Familie um den großen Esszimmertisch herum sitzen.
Hans sagte gerade zu seinem Bruder:”Wo bleibt denn das Fräulein?”
“Fräulein”, zischte der giftig “das Flittchen unseres Vaters!”
„ Sei still“, zischte Hans zurück “die Kinder können uns hören.”
“Das ist mir egal, und außerdem sind sie davon genau so betroffen, wie wir auch.”
“Na, wenigstens sind wir gewarnt, stell dir vor, Vater hätte uns den Brief nicht hinterlassen, und wir säßen jetzt hier und hätten keine Ahnung, was uns erwartet.”
“Was meinst du denn, was uns erwartet?” fragte Klaus.
“Ein Teil weniger für jeden von uns.”
“Hoffentlich.”
“Meinst du denn, er könnte sein Testament komplett geändert haben?
Klaus lehnte sich zurück und seufzte.
„Hoffentlich nicht.“
Die anderen saßen stumm und blickten vor sich hin, alle waren schwarz gekleidet. Jetzt hoben sich alle Blicke, vor der Tür hörte man Stimmen. Der dicke schwarze Kater hatte allmählich kapiert, wo er war. Das war das schöne alte Bauernhaus, in dem er mit seinem “Fräulein” und mit dem alten Herrn Banz lebte, für den sein Fräulein sorgte.
Aber – der alte Herr Banz war tot. Stumm und steif und kalt hatte der alte Mann in seinem Bett gelegen, als er vor ein paar Tagen morgens zu ihm hinein geschlichen war. Ganz blau verfärbt war er gewesen, was gar nicht gut ausgesehen hatte. Und was auch nicht gut gewesen war, denn der Doktor hatte etwas von Polizei gesagt. Aber sein Fräulein hatte ihn darauf hingewiesen, dass der alte Herr Banz schwer herzkrank gewesen war, was der Doktor schließlich am besten wissen müsse.
“Ja, da haben Sie Recht, Fräulein Burger”, hatte er dann gesagt “warum soll man die Familie ins Unglück bringen. Wenn er vergiftet worden ist, dann war es einer von ihnen. Und es ist ja nur eine Spur von einem Verdacht. Stimmt es nicht, wie stehe ich dann da?”
“Ja, daran muss man auch denken”, hatte sein Fräulein gesagt und war dann zum Telefon gegangen, um die Söhne Hans und Klaus Banz anzurufen. Eine schwere Pflicht, aber schließlich war Herr Banz schon älter als 80 Jahre gewesen, da musste man mit allem rechnen. Wieso war er nur so blau gewesen um den Mund herum? Der dicke schwarze Kater hatte sich davongemacht, er musste seine Runde drehen.
Nun saßen sie also alle hier zusammen. Das hatten sie nicht oft getan in den letzten Jahren. Zu Weihnachten manchmal und zu den Geburtstagen des alten Herrn Banz. Aber nun war kein Geburtstag sondern Testamentseröffnung. Ein schwieriges Wort, das er heute Morgen schon des Öfteren gehört hatte von den Verwandten. Hans, der älteste Sohn mit Gertrud seiner Frau und Hildchen, seiner Tochter. Klaus und Hannelore mit Erwin.
Die Stimmen waren lauter geworden, die Tür ging auf. Dr. Baltenstrom, der Notar, und Fräulein Burger traten ein.
“Bleiben Sie doch sitzen”, sagte der Notar, weil die Herren Anstalten machten, aufzustehen. Wegen des Notars natürlich und nicht wegen des Fräuleins. Die war schließlich nur Angestellte hier im Haus. Obwohl – der Brief von Vater …
“Wir wollen es kurz machen, liebe Familie. Das nicht unbeträchtliche Vermögen des lieben Verstorbenen wird wie folgt aufgeteilt: Das Haus erhält Fräulein Burger.”
Er blickte vorsichtig um sich, aber niemand der Anwesenden schien erstaunt zu sein. Na, umso besser, dachte er und fuhr fort:
“Das Bar- und Wertpapiervermögen fällt zu gleichen Teilen an Fräulein Burger und die Söhne Hans und Klaus Banz.”
Jetzt war aber doch eine Bombe explodiert. Klaus sprang auf und eilte auf den Notar zu, schüttelte ihn und schrie:
“Sind Sie verrückt geworden? Das kann doch nicht stimmen. Ist der Alte verrückt geworden? Ja, sind denn alle verrückt geworden?”
Der Notar war zu verdutzt, um etwas zu sagen. Hans kam ihm zu Hilfe und zerrte seinen Bruder zurück.
“Beruhige dich doch, das war doch nichts Neues für uns, oder hast du Vaters Brief vergessen?”
“Lass mich doch zufrieden mit Vaters Brief. Das Haus kann sie haben, das kann sie doch nicht halten, habe ich gedacht. Aber eine halbe Million. Eine halbe Million wofür? Wofür, meine Liebe?” brüllte er in Richtung auf Fräulein Burger.
Bevor seine Fragen präziser werden konnten, hatte ihn Hans aus dem Zimmer gebracht. Die Damen saßen stumm, Erwin wagte nicht nach rechts oder links zu blicken. Schließlich ging es um seinen Großvater. Da konnte er sich eigentlich nichts Frivoles vorstellen.
Dem dicken schwarzen Kater gefiel die Atmosphäre nicht mehr, und er schlich hinaus durch die Tür, die die beiden Brüder offen gelassen hatten. Sie standen davor und flüsterten miteinander.
“Doktor Koch fragen”, verstand er noch, aber es interessierte ihn nicht.
Als der dicke schwarze Kater am späten Nachmittag ins Haus zurückkam, um nach seinem Abendessen zu sehen, stand sein Fräulein allein in der Küche und weinte. Hans und Klaus saßen im Wohnzimmer und sprachen ziemlich laut und aufgeregt mit dem Doktor Koch. Der hatte offensichtlich doch den Mund nicht halten können und von der blauen Verfärbung gesprochen. Für Klaus stand fest: Der Vater ist ermordet worden! Vom “Fräulein” natürlich. Wegen des Geldes natürlich. Hannelore versuchte, ihn zu beruhigen.
“Das ist doch Unsinn. Warum sollte sie ihn umbringen, sie hatte es doch gut hier.”
“Sie hat ihn umgebracht, davon lasse ich mich nicht abbringen. Bestimmt braucht sie Geld, vielleicht hat sie einen Liebhaber.”
Er krächzte lauter und lauter, alle im Haus konnten ihn hören.
“Na klar hat sie einen Liebhaber, Vater war achtzig! Da kann man sich doch vorstellen, dass sie nichts mehr von ihm hatte.”
“Klaus, jetzt nimm dich aber zusammen, schließlich sprichst du von deinem eigenen Vater.”
Hannelore griff nach seinem Ärmel zerrte an ihm.
“Vater hin, Vater her, die Schlampe kriegt das Geld nicht. Uns steht es zu, nur uns. Doktor, Sie rufen jetzt die Polizei an und sagen denen das, was Sie uns hier gesagt haben.”
“Nein, das machen Sie nicht. Mein Mann beruhigt sich schon wieder.”
“Sie rufen jetzt die Polizei an, sonst mache ich es, und dann stehen Sie verdammt dumm da, weil Sie die Schlampe haben decken wollen.”
Der Doktor machte ein betretenes Gesicht, da könnte der Mann Recht haben, dachte er. Er würde sowieso in einem ganz schlechten Licht dastehen, weil er nicht sofort etwas unternommen hatte. Und warum nicht? Wollte er wirklich die Familie schützen oder etwa das Fräulein? Langsam ging er hinaus in die Diele zum Telefon.
Draußen stand Erwin und schüttelte den Kopf.
“Tun Sie das lieber nicht, Herr Doktor. Denken Sie doch an den Skandal, der uns allen schaden wird. Mein Vater wird sich schon wieder beruhigen.”
“Es sieht im Moment allerdings nicht so aus. Aber ich hoffe auch, dass es Ihrer Mutter gelingen wird, ihn zu beruhigen.”
Der Doktor sah das Licht in der Küche und ging hinein. Da stand das Fräulein immer noch am Fenster und weinte.
“Sie haben das alles gehört? Du lieber Himmel, was müssen Sie von der Familie denken? Ja, wenn’s ums Geld geht.”
“Ja, das Geld. Dass ich nicht aus dem Haus muss, das hat Herr Banz mir versprochen.”
“Das brauchen Sie ja nun auch nicht, und versorgt sind Sie auch. Frau Banz wird ihren Mann schon beruhigen, die brauchen das Geld doch eigentlich gar nicht, haben doch selbst genug.”
“Ich glaube auch, dass Hannelore ihren Mann beruhigen wird, sie ist wirklich sehr nett. Noch in der vorigen Woche hat sie mir gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen, wenn Herrn Banz etwas passiert. Für mich soll gesorgt sein.”
“Sie war vorige Woche hier?”
“Ja, einen Tag, bevor Herr Banz gestorben ist. Sie hatten einiges zu besprechen, was, weiß ich allerdings nicht.”
Der dicke schwarze Kater spitzte seine Ohren. Wieso wusste sie es nicht. Er hatte es doch gehört. Hannelore brauchte Geld, und das hatte der alte Herr Banz ihr gegeben. Aus seinem geheimen Vorrat, den er hinter den Büchern versteckt hatte. Wie viel es war, wusste er natürlich nicht. Von Geld verstand er nichts.
Der Doktor verließ die Küche wieder, er wollte doch lieber in der Nähe der Familie bleiben. Vielleicht kam er doch noch gut aus der Sache heraus.
Der dicke schwarze Kater war mit seinem Abendessen beschäftigt und machte erst eine kleine Pause, als er hörte, dass Hans in die Küche kam. Schweigend trat er neben das Fräulein und streichelte ihre Schulter.
“Nimm’s nicht so schwer, Anna. Der Klaus sitzt halt in der Klemme wegen seiner Investitionen in Immobilien. Die Geschäfte laufen verdammt schlecht im Moment, und jeder Monat länger kostet Zinsen.”
“Glaub mir, Hans, ich habe nicht gewusst, dass euer Vater mich so im Testament bedenken würde.”
Der dicke schwarze Kater wunderte sich schon wieder. Er wusste genau, dass sein Fräulein im Haus gewesen war, als der Notar das Testament gebracht hatte. So weit reichte sein Katergedächtnis noch. Aber eine kleine List hier und da, das war durchaus auch Katzenart, das konnte er verstehen. Und schließlich kam ihm das alles ja auch zugute. Das Haus und das Geld. Warum sollte er sich da einmischen.
Die beiden flüsterten miteinander, er konnte gar nichts mehr verstehen. Jetzt fuhren sie auseinander, da kamen Schritte, die er nicht so gut kannte. Ach, Erwin.
“Tante Anna, gibt es heute Abend etwas zu essen?”
“Ja, Erwin, gleich. Ich mache ein paar Butterbrote. Bier ist auch noch da. Das wird sicher reichen.”
Erwin ging wieder hinaus, aber der dicke schwarze Kater sah, dass er in der Diele stehen blieb und mit irgendwelchen Papieren raschelte. Aber er sah gar nicht hinein, er versuchte vielmehr zu lauschen. Er wollte sicher wissen, was sein Onkel mit der Tante Anna zu flüstern hatte.
Der dicke schwarze Kater verzog sich und tauchte erst wieder auf, als sein Fräulein wieder in der Küche war und aufräumte. Sie gab ihm ein wenig von den Wurstresten und freute sich, wie es ihm schmeckte. Schon wieder Schritte, Klaus.
“Ich muss mit dir sprechen.”
“Ja, bitte.”
Der dicke schwarze Kater strich um die Beine seines Fräuleins und versuchte dann, auch bei Klaus zu landen. Aber der:
“Verdammtes schwarzes Biest, verzieh dich!”
Das tat er natürlich nicht und rums – der schwarze Schuh näherte sich seinem dicken Bauch, verdammt, tat das weh. Er rutschte ein Stück weit über den Fliesenboden und landete an der Wand. Sein Kopf brummte.
Sein Kopf brummte immer noch, als er aufwachte. Das war ein Traum gewesen! Donnerwetter.
Wer war denn der Mörder gewesen? Klaus, der das Geld brauchte? Aber der wollte doch die Polizei holen. Alles Tarnung, wusste er aus reicher Krimierfahrung. Oder Hannelore, die kurz vorher im Haus war und Geld geliehen bekommen hatte? Oder Hans, der so vertraut mit dem Fräulein war? Oder etwa das Fräulein selbst?
Das wollte er genau wissen. Schon war seine linke Pfote wieder am Fernsehschirm.
Ein paar schöne sonnige Tage waren vergangen. Der dicke schwarze Kater hatte die meiste Zeit draußen in seinem Revier verbracht und war gar nicht mehr auf dem Laufenden über das, was sich im Haus abspielte. In der Abenddämmerung war er aber dann doch hungrig und lief zielstrebig nach Hause und in die Küche.
Sein Fräulein weinte schon wieder, ihre Hände zitterten und ihre Knie auch, wie er von unten her bemerken konnte. Was war los? Aus dem Esszimmer hörte er Stimmen, die er kannte. Die Lust auf Essen war ihm vergangen, und er setzte sich vor die Tür, um dann mit seinem Fräulein hineingehen zu können. Da war sie schon.
“Schön, dann sind wir ja alle versammelt.”
“Fangen Sie an, Herr Inspektor”, sagte Hans mit beklommener Stimme.
“Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen. Ihr Vater ist keinem Mordanschlag zum Opfer gefallen”, wandte er sich an die Familie.
“Und bei Ihnen, Fräulein Burger, müssen sich wohl alle entschuldigen.”
“Sie, Herr Doktor Koch, sollten vor dem Ausstellen des Totenscheins etwas gründlicher untersuchen, dann kommen Ihnen später auch keine Zweifel, wie in diesem Fall.”
Stühle wurden gerückt, viele Beine liefen durcheinander und der dicke schwarze Kater brachte sich schleunigst in Sicherheit.
Ja, in Sicherheit war er. Der Kopf brummte ihm noch, aber er war ungeheuer erleichtert. Kein Mord. Er reckte und streckte sich, merkte, dass er tatsächlich Hunger hatte, und ging in die Küche. Trockenfutter! Ja, er war zu Hause bei seinem Frauchen und nicht bei seinem “Fräulein”. Mochten die beiden glücklich sein bis an ihr Lebensende. So hieß das doch im Märchen. Er knackte bedächtig seine Knackis und sann noch ein wenig über das Leben nach.