Fee – Kindheit auf dem Lande, oder eine Reisekatze wird sesshaft

TschiboNie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass mein Mann Interesse an einem tierischen Hausgenossen haben könnte. Aufgewachsen als Stadtkind und Sohn einer  Mutter mit Tierphobie erklärte er mir immer wieder, dass er wegen einer Tierhaarallergie keine Tiere haben könne. Gelitten habe ich unter dieser Entscheidung nie. Zum einen hatte ich in meiner Kindheit durchaus Tiere gehabt, zum anderen lebten wir mitten in der Stadt, in einer für Tiere absolut ungeeigneten Dachwohnung. Nun arbeitete mein Mann in einer Einrichtung für psychisch Kranke, die idyllisch im Westerwald lag. Das bedeutete in erster Linie lange Fahrtzeiten und Anwesenheitsbereitschaften. Etwa jede zweite Nacht verbrachte er damals in einer Zweitwohnung auf dem Hof der Einrichtung. Durch seine Arbeit kam er dort erstmals mit der Natur, bzw. den Tieren in Kontakt. Der Hof verfügte über Kaninchen, Pferde, einen Hund und zwei wilde Katzen. Zudem wurde die tägliche Milch bei Bauern direkt von der Kuhweide geholt. Mit fast 40 Jahren machte er also Bekanntschaft mit Stallmist, bettelndem Hund beim Mittagessen, Mäusekolonien unterm Dach, Kuhfladen auf der Weide und allem, was sonst noch zum Landleben gehört. Die beiden wilden Katzen, die sich von den Bewohnern versorgen ließen, waren zwei kleine schwarze Damen, Mutter und Tochter. Der Mutter fehlte eine Ohrspitze. Das Leben für die Wildlinge war ziemlich hart. So hatten sie es in zwei Jahren beide nicht geschafft, einen Wurf Kätzchen durchzubringen. Die Tochter suchte sich eines Tages die Wohnung einer Bewohnerin aus, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Direkt vier kleine schwarze Katzendamen erblickten dort das Licht der Welt. Als Wildling ließ sich die Katzenmama zwar nicht anfassen, begriff jedoch offensichtlich die Vorteile des Arrangements. Wahrscheinlich hatte sie zum ersten Mal die Gelegenheit, ihren Nachwuchs satt und in Sicherheit aufwachsen zu sehen. Selbst den obligatorischen Katzenunterricht hielt sie in der Wohnung ab. Wenn sie ihre Kinder rief, liefen sie aus allen Richtungen herbei und sperrten Augen und Ohren auf, um von ihrer Mama alles Wichtige fürs Leben zu lernen. Von diesem Anblick aufs Äußerste fasziniert, verliebte sich mein Mann Hals über Kopf in die Katzenkinder. Bald schon erzählte er zu Hause fast nur noch Geschichten von kleinen Katzen.

Dann kam der Tag, an dem die Katzenfamilie getrennt werden musste. Die Wohnung wurde anders belegt, der neue Bewohner hatte einen Hund. Wohin mit den ganzen Katzenkindern? Übereilt und viel zu früh, die Kleinen waren etwa sechs Wochen alt, wurden zwei Knäuel schnell vermittelt. Zwei Kleine blieben übrig. Eines davon schenkte sich mein Mann selbst zum Geburtstag, das andere wurde noch im Dorf untergebracht. Jetzt war zunächst mein Mann alleine stolzer Katzenbesitzer in seiner Zweitwohnung. Dort wollte er auch Seminare abhalten und Einzelberatungen anbieten. Die Vorstellung, eine schwarze Katze dabei als Ratgeberin auf der Schulter sitzen zu haben inspirierte ihn zu dem Namen Fee (vollständig: Morgaine le Fay, die ausreichend mystische Katze frei nach MZB). Doch was war mit den freien Tagen? Seine Idee war es, eine Reisekatze zu haben, die an seinen freien Tagen einfach mit in die Stadt kam und dann, wenn er zur Arbeit musste, wieder mit aufs Land fuhr. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, um nicht zu sagen, dass mir seine Idee gar nicht gefiel. Doch wer war ich, der kleinen Katze die Liebe meines Gatten zu missgönnen? Und schon am nächsten freien Tag kam er dann in Begleitung nach Hause. Als ich gerade die Wäsche auf den Ständer hängte, öffnete sich die Tür und herein kam, mit einem Katzenkorb bewaffnet, mein Mann. Er entnahm dem Korb ein winziges flauschiges Bündel, nicht größer als seine Hand. Mit noch blauen Augen blickte mich ein allerliebstes verstrubbeltes Katzenkind an. Der Motor war schon warmgelaufen, das Schnurren war so laut, dass man es dem Winzling gar nicht zugetraut hätte. Dann der Unfall. In meinem Eifer, das weiche Fell zu berühren, stieß ich aus Versehen den Korb mit den Wäscheklammern um. Ein riesiger Radau. Weg war die Katze. Verschwunden, in Luft aufgelöst. Alle Türen und Fenster waren geschlossen, es gab keine Fluchtmöglichkeit. Wir haben das Wohnzimmer auf den Kopf gestellt. Keine Katze zu finden. Mein Mann hatte bereits echte Anzeichen von Panik und war ziemlich sauer auf mich. Erst nach einer halben Stunde hatten wir die rettende Idee. Unser Sofa hatte Rückenkissen, die zwar an der Rückenlehne befestigt waren, aber es gab dort eine kleine Öffnung, die uns zuvor noch nie aufgefallen war. Da drin saß ganz verschreckt unser neues Familienmitglied. Es war das erste, doch sollte es bei weitem nicht das letzte Mal sein, dass wir unsere Fee suchen mussten.

Im nächsten halben Jahr pendelte unsere Reisekatze tatsächlich allwöchentlich vom Westerwald nach Koblenz und wieder zurück. Meistens verschlief sie die Fahrt. Sicherheitshalber wurde sie aber immer nur im Transportkorb mitgenommen.

Ohne Mama, mit keiner anderen als menschlicher Gesellschaft, erlebte die kleine Fee ihre eigenen Begegnungen der dritten Art. Über der Zweitwohnung, die in einer riesengroßen, ehemaligen Scheune untergebracht war, lebten ganze Mäusekolonien im Dachgestühl. Dem Rascheln, Nagen und Huschen zu lauschen wurde schnell die Lieblingsbeschäftigung der Handvoll Katze. Anfangs erstarrte das Mäusetreiben, sobald die Mäuse den Katzengeruch wahrnahmen. Bald jedoch merkten die Mäuse, dass diese Katze ihnen an Größe nicht viel und an Schnelligkeit und Geschicklichkeit gar nicht überlegen war. Nicht selten kam es danach zu Begegnungen zwischen Maus und Katz. Besonders begehrt waren Ausflüge auf den Dachboden, wo kleine Katzen im Gebälk in Schwindel erregende Höhen klettern konnten, während dem Herzinfarkt nahe Dosenöffner am Boden darauf warteten, spinnwebverklebte Fellbündel unversehrt wieder in Empfang zu nehmen.

Eine weitere Besonderheit in dieser improvisierten Dienstwohnung stellte der nicht vorhandene Esstisch dar. In Anlehnung an arabische Traditionen fanden die Mahlzeiten zeitweise auf dem Boden statt. So kam, was kommen musste.  Beim Frühstück klingelte das Telefon und als mein Mann zu seinem „Tisch“ zurückkam, fand er Fee mit dem Kopf im Marmeladenglas vor. Angeblich sollen Katzen ja süß nicht schmecken können. Unsere ist da wohl aus der Art geschlagen. Seit diesem Tag  probiert sie jeden Trick, um an Kuchen, Marmelade oder andere Süßigkeiten zu kommen. Wenn andere Katzenhalter Wurstwaren, Käse oder Ähnliches verstecken müssen, müssen wir angebrochene Keksschachteln, Kuchenreste und Rosinen bewachen wie das Gold in Fort Knox. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir Vegetarier sind.

Obwohl die Zweitwohnung unserer Fee inklusive des Dachbodens, der sich über die ganze Scheune zog, etliche hundert Quadratmeter hatte, musste sie immer noch das Möbellager unter der Dienstwohnung erkunden. Eines Tages, im Nachhinein war ich froh, an diesem Wochenende in Koblenz geblieben zu sein, war die kleine Fee weg. Verschwunden. Nicht in einer Wohnung, sondern in einem Möbellager mit leider offen stehender Außentür. Mein Mann leitete eine verzweifelte Suche ein, die mehrere Stunden in Anspruch nahm. Kein Rufen, kein Locken nützte etwas. Als er schließlich, erschöpft und verzweifelt, wieder zu seiner Wohnung kam, saß die kleine Maus vor der Tür, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte und gar nicht verstünde, warum jemand nach ihr suchen sollte. Bei dem Ereignis war sie etwa 12 Wochen alt.

Unsere Reisekatze war auch mit zu Besuch bei meinen Eltern. Da sie nie bei Tisch bettelte, fielen wir aus allen Wolken, als unsere manierliche Vorführkatze beim Geruch von geräuchertem Schinken das Maunzen anfing und an der Tischdecke hoch auf den Tisch kletterte. Nahm man sie auf und setzte sie auf dem Boden ab, rannte sie wie angestochen auf die andere Tischseite und wiederholte das Spiel von vorne. Das Abendessen endete mit Gelächter und einer Minikatze, die mit sehnsüchtigen Augen vor der geschlossenen Kühlschranktür saß. Beim nächsten Besuch hatten wir dazugelernt. Der kleine Wildfang bekam zur Feier des Tages etwas Quark und wir konnten in Ruhe essen.

In der Dachgeschoßwohnung gehörte das Autojagen zu den beliebtesten  Spielen. Vom fünften Stock aus sahen die Autos nicht größer aus als Mäuse. Außerdem konnte man ja ganz deutlich sehen, dass diese Blechdinger Angst vor Katzen haben, die liefen ja immer ganz schnell weg. Gardinen hatten wir schon vorher nicht, jetzt auch nach und nach keine Blumentöpfe mehr. Warum mussten diese blöden Pflanzen auch immer dort im Weg herumstehen, wo gerade die beste Verfolgungsjagd stattfand? Mag sein, dass andere Katzen ein schlechtes Gewissen kennen, unsere nicht. Wenn mal wieder etwas zu Bruch gegangen war, erntete ich immer nur einen Blick, der besagte: „Na, und? Bin ich nicht viel wichtiger?“ Womit sie natürlich Recht hatte. Dafür war sie bei anderen Spielen beispielhaft anspruchslos. Kein noch so teures Spielzeug war so interessant wie ein einfaches Papierkügelchen. Das wurde gekickt, im Mäulchen durch die Gegend geschleppt, gegen alle echten und imaginären Feinde mit Knurren, Aufplustern und Fauchen wacker verteidigt, ja sogar apportiert und geputzt. Auch heute noch, als gesittete erwachsene Dame lässt sich Fee immer noch gerne zu einem Tennismatch mit Papierkugel überreden. Dabei liegt unsere „Steffi“ lässig auf der Seite und spielt uns mit der Vorderpfote ein As nach dem anderen auf. Wirkliche Gegner sind wir nicht für sie, wir müssen ganz schön rennen, um ihre „Bälle“ zu halten.

Ein anderes beliebtes Spiel ist es, aus einem Versteck heraus mit den Pfoten nach einem möglichst kurzen Faden oder einem Grashalm zu angeln. Das Spiel ist für die Mitspieler allerdings nicht ungefährlich. Manchmal rutscht die krallenbewehrte Pfote von der begehrten Beute ab und trifft die ungeschützten Finger. Etwas Mut ist also erforderlich. Damals sahen unsere Hände und Unterarme regelmäßig so zerkratzt aus, als ob wir uns mit ungeschützten Händen den Weg durch eine Brombeerhecke hätten bahnen müssen. Mangels katziger Spielkameraden  mussten unsere Hände als Sparringsgegner herhalten. Wenn sich der Minitiger mit flach angelegten Ohren in unsere Hände verbissen hatte, die Vorderpfoten in den Arm gekrallt hatte und mit den Hinterpfoten ein Stakkato auf den Unterarm trommelte, konnten wir den Arm mitsamt Katze hochheben, ohne befürchten zu müssen, dass die Katze zu Boden fällt.

Mit solcherart gezeichneten Armen besuchte mein Mann dann in Österreich ein dreiwöchiges Seminar. Dort musste er sich fragen lassen, ob er unter einer Hauterkrankung leiden würde. Als er zurückkam, waren die Kratzer verheilt, aber nach drei Wochen Abwesenheit geruhte unsere Fee nicht mehr mit ihm zu schmusen. Da war die Not groß. Wir lernten, dass Katzen sehr, sehr lange schmollen können. Bestimmt ein Vierteljahr, eher länger, war mein Mann gut genug zum Füttern und Spielen, geschmust wurde aber nur mit mir. Ob die Eifersucht genauso groß gewesen wäre, wenn ich mit jemand anderem geschmust hätte, wage ich zu bezweifeln.

In der Zwischenzeit war Fee natürlich gewachsen. Mittlerweile konnte sie mit einem Zwischenstopp auf dem Schrank die Oberkante der Tür erreichen. Prompt erkor sie diesen idealen Aussichtsplatz zu ihrem Thron. Da ab und an die Krallen beim Hochspringen zum Einsatz kamen, bereiteten wir uns schon innerlich auf einen hysterischen Anfall der Vermieterin vor.

Schließlich war unsere kleine Minikatze alt genug, um kastriert zu werden. Bis dahin hatte sie außer zum Impfen noch keine Tierarztpraxis von innen gesehen. Nur schwer war mein Mann von der Idee abzubringen, unsere Fee doch wenigstens einen Wurf eigene Kitten haben zu lassen. Ob ihn am Ende der Tierschutzgedanke überzeugt hat, oder die mögliche Gefahr für seine Fee abgeschreckt hat, auf jeden Fall stimmte er der Kastration zu. Dank unseres Tierarztes wurde die OP dann auch vor der ersten Rolligkeit durchgeführt, so dass uns dieses Erlebnis in der Stadtwohnung erspart blieb. Der Eingriff verlief völlig problemlos, wir konnten unsere Katze wie vereinbart wenige Stunden später mit nach Hause nehmen. Zu Hause angekommen wollten wir das kleine Bündel Elend zunächst in seiner Transportbox lassen, bis die Narkosefolgen weitgehend verflogen wären. Wollte sie nicht, also ließen wir sie raus. Mit wackeligen Beinen torkelte sie überall hinter uns her, wollte auf jeden Fall bei uns sein. Damit sie zur Ruhe kommen konnte, legten wir uns ins Bett und nahmen sie mit zu uns. Von diesem Tag an durfte sie jede Nacht im Bett schlafen, bis später sie und Merlin für sehr lebhafte Nächte sorgten. Am nächsten Morgen versetzte Fee uns wieder in Angst und Schrecken. Diesmal meinte sie, auch mit frischer Operationsnarbe auf die Tür springen zu müssen. Zum Glück passierte ihr nichts. Dann störten die Fäden. Immer wieder nahm sie einen Knoten zwischen die Zähne, zog und es gab immer wieder einen leisen Knall, wenn der Faden zurückflutschte. Da sie sich nicht davon ablenken ließ, riefen wir den Tierarzt an und fragten um Rat. Er meinte, dass sie die Fäden eh nicht durchbekäme. Am nächsten Tag hatte sie ihn widerlegt. Ein Faden war gerissen. Glücklicherweise war es eine doppelte Naht, so dass der eine Faden weniger nichts ausmachte. Nachdem sie bewiesen hatte, dass sie es konnte, ließ das Interesse an den anderen Fäden auch rapide nach.

Zusammen mit ihrer Fruchtbarkeit hatte unsere Fee leider auch ihren Status als Reisekatze eingebüßt. Mein Mann hatte die Arbeitsstelle verloren und war jetzt in der Stadt beschäftigt. Wir hatten, was ich nie haben wollte, eine Wohnungskatze in der Stadt.

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Sie ist erschienen am Donnerstag, Januar 25th, 2007 um 11:54 und findet sich in der Kategorie: Katzengeschichten, Meine Katze.
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