Da war noch die Geschichte beim ersten Besuch bei meinen Eltern:
Beim gemütlichen Zusammensitzen mit Klein-Fee auf dem Schoß bemerkte ich, dass sich im Fell der Kleinen etwas bewegte. Mein Männe sah es sich auch an und wir konnten beide nicht erkennen, was es war. Da wir meine Eltern nicht mit etwas Krabbelndem beunruhigen wollten, kamen wir stillschweigend überein, uns erst zu Hause näher damit zu beschäftigen.
Zu Hause nahmen wir dann die Minikatze unter die Lupe. Was wir sahen, versetzte uns einen Riesenschrecken. Ganze Kolonien von bräunlich-roten Tierchen in allen Entwicklungsstadien hatten sich häuslich im Fell unseres Kätzchens niedergelassen. Wir konnten regelrecht beobachten, wie die Miniaturkolonie lebte. Eier wurden wie in einem Ameisenhaufen hin und her gebracht. Die käferartigen Feebewohner hatten richtige Straßen angelegt, wobei sie abwechselnd mal durch Tunnel (zwischen Haarwurzeln hindurch) oder über den Berg (über die Haarspitzen) wanderten. Der Betrieb war enorm. Es ging zu, wie auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zur Stoßzeit.
In der kommenden Nacht hatten wir ein äußerst merkwürdiges Gefühl, so als ob wir unser Bett nicht nur mit der Katze, sonder auch mit einer Kolonie winziger Außerirdischer teilen würden. Am nächsten Morgen hatte Fee ihre erste Begegnung mit dem Tierarzt. Gut, einen Impftermin mussten wir sowieso machen, also, warum nicht einen Experten entscheiden lassen, ob es sich bei den mysteriösen Mitbewohnern um intelligente Außerirdische oder schlicht um Parasiten handelt.
Unser Tierarzt warf einen Blick auf unsere Fee und fragte dann uns, was wir denken würden, was das wäre. Mehr als Schulterzucken konnte er doch wirklich nicht erwarten. Dann grinste er und meinte, wir hätten da ganz ordinäre Katzenflöhe. Flöhe? Aber die hüpfen doch. Katzenflöhe wohl nicht. Unsere Fee wurde dann mit einem Flohspray für Kitten eingesprüht und sah aus wie ein kleiner begossener Pudel. Mit dieser Behandlung war unser erster eigener Flohzirkus vernichtet worden. Schade, wir hätten sie vielleicht noch dressieren können.
Katzenleine – Variante Fee
Wir sind nette Dosis, hatte ich das mal erwähnt? Ohne, dass unsere kleine Fee mal gesagt hätte, dass ihr die Dachwohnung nicht ausreicht, machten wir uns eigene Gedanken um das Katzenwohl. Katzenglück gleich frische Luft, dachten wir. In einer Dachwohnung im vierten Stock, mitten in der Stadt, ohne Balkon und keine Genehmigung für Fenstersicherungen eine Herausforderung.
Jetzt bin zumindest ich ein gebürtiges Landkind. Die Vorstellung, mit einer Katze an der Leine spazieren zu gehen, hat für mich fast dieselbe Qualität, wie bei Karneval als Streichholz im Umzug mitzulaufen (für die, die das nicht kennen: nackt, der rote Kopf kommt von selbst). Nun hatten wir aber fast vor der Haustür einen toten Rheinarm mit Parkanlage, Enten, Hunden, Mäusen, Hasen, Blumen, kurz, mit allem, was das Katzenherz begehrt. Das Paradies so nah, und doch so fern. Nach einigen Überlegungen trauten wir uns dann gemeinsam in eine Zoohandlung zwecks Erwerb einer Katzenleine inklusive Geschirr.
Eine Handvoll Katze, mehr war unsere Fee damals nicht. Das normale Katzengeschirr konnten wir so eng stellen, wie wir wollten, sie hätte immer noch damit Seilspringen oder Geschirrtunnel spielen können. Als Alternative gab ein Geschirr für kleine Kaninchen. Bei der engsten Einstellung hing dann soviel von dem Gurtmaterial über, dass die Katze beim Laufen drauf treten konnte. Etwas zurechtgeschnitten war es aber ganz passabel. Dazu erwarben wir dann eine ausziehbare Leine mit einem Fünfmeterradius. Schließlich soll die Katze ja auch rennen können.
Der erste Versuch scheiterte kläglich. Statt eines erholsamen Spaziergangs am Rhein mit Fee, jagten wir eine Stunde eine kleine Pelzkugel durch die Wohnung, die sich partout nicht mit dem Katzengeschirr anfreunden wollte. Alle waren nach dieser Übung nass geschwitzt und genervt. Erstmal war das Projekt Katze an der Leine ad acta gelegt. Damit das Geschirr nicht ganz umsonst gekauft worden war, ließen wir es Fee zum Spielen liegen. In den nächsten Wochen trug sie stolz ihre Beute, die sie den großen Dosenöffnern abgetrotzt hatte, durch die Wohnung.
Dann kam der Moment, in dem ich das Geschirr mit einem Überraschungsangriff an der Katze befestigen konnte. Nur fünf Minuten später, etwas erhitzt, aber noch guter Laune, befestigte ich voller Stolz die Leine am dafür vorgesehenen Haken. Fee war zu beschäftigt, um das zu bemerken. Sie zog mit den Zähnen an allen erreichbaren Teilen des Geschirrs und verrenkte sich gar absonderlich, um eventuell doch hinausschlüpfen zu können.
Ein paar mal geübt, fühlten wir uns dann sicher genug, um in den frühen Morgenstunden einen Besuch im Park zu wagen. Dazu packten wir unsere Fee samt Geschirr und Leine in ihren Transportkorb und zogen los. Im Park angekommen, befreiten wir die ehemalige Bauernhof- und jetzige Dachkatze aus ihrem Gefängnis. Was sie uns zunächst nicht dankte. Sie blieb einfach drin sitzen.
Als sie nach fünf Minuten doch ihre Nase rausstreckte, gab es kein Halten mehr. Rennen, fünf Meter Leine erlauben da schon was für eine kleine Katze, springen, schnuppern und dann senkrecht den nächsten Baum, einen schönen, großen, alten, sehr, sehr, sehr hohen Baum hoch. Bevor wir richtig begriffen, was passiert war, hatte sich die Leine schon in den, zum Glück, untersten Ästen des Baumes verwickelt und unsere Fee saß im Baum fest und jammerte.
Was uns in diesem Moment endgültig klar wurde, war, dass Katzen im Vergleich zu Hunden nicht nur auf einer Ebene spazieren gehen und lange Leinen nicht nur von Vorteil sind. Passiert war weiter nichts, Fee konnte von uns gerettet werden. Es hat trotzdem länger gedauert, bis wir das Experiment wiederholten, weil uns der Schreck noch lange in den Gliedern saß. Die Vorstellung, die Leine hätte sich weiter oben, oder unglücklicher verwickelt, verfolgte uns in unseren Träumen.
Höhlenbewohner, Sprachverwirrung und wie sehr sich Dosis zum Affen machen
Schon als winzig kleine Katze hatte unsere Fee eine besondere Vorliebe für dunkle, warme Plätze. Wir fanden sie oft in Schränken, zwischen Kissen, unter dem Sofa oder hinter dem Sessel unter die Heizung gequetscht. Am allerliebsten war es ihr aber, wenn einer von uns auf der Couch oder im Bett lag und ihr unter der Decke ein Höhlchen anbot. Das durfte aber nicht irgendeins, sondern musste immer unter den Kniekehlen sein. Bot man ihr diese Höhle nicht freiwillig an, kam sie und scharrte so lange an der Decke, bis man nachgab. Unter der Decke stumpte sie uns dann nach ihrem Gusto zurecht. Besonders gut tat es, wenn sie vor Freude über diesen Platz begann, mit ihren Pfötchen auf den nackten Beinen zu treteln. Das erklärt vielleicht, warum manche Leute auch im heißesten Sommer lieber eine lange Schlafanzugshose tragen. Einen Gewinn hatte man allerdings, während man stundenlang in so unbequemer Position dalag. Als guter Dosi konnte man sich natürlich nicht bewegen und schon sogar Toilettengänge so lange wie möglich hinaus. Folglich konnte man natürlich in keinem Fall Kaffe kochen, etwas arbeiten, oder sonst irgendwas erledigen. Kurz, der Lebenspartner musste dann eben als Butler zur Verfügung stehen. Einmal habe ich dadurch sogar ein Frühstück am Bett rausgeschlagen.
Der Sprachgebrauch, der sich in unserem Haushalt in dieser Zeit entwickelte, war für Außenstehende nicht so leicht zu verstehen. So hieß zum Beispiel:
Ich bin bekatzt – Tut mir leid, Du bist dran mit Kaffee aufstellen
Ich habe ein Höhlchentier – Leider kann ich im Moment noch nicht aufstehen. Du müsstest schon alleine einkaufen gehen.
Hast Du an das Wichtigste gedacht? – Hast Du auch das Katzenfutter/Katzengras… mitgebracht?
Pscht! – Achtung, Katze schläft, bitte leise sein und nicht stören.
In der Zeit, als unsere Fee noch Reisekatze war, versuchte mein Mann immer, ihr die Autofahrt so angenehm wie möglich zu gestalten. Normalerweise schlief sie im Auto schnell ein und erwachte erst zu neuen Aktivitäten, wenn sie am Ziel angekommen war. Manchmal hatte sie aber definitiv keine Lust auf Autofahren und jammerte dann ganz erbärmlich. Erzählen half nichts, sie beruhigte sich damit nicht. Radio mit klassischer Musik hatte auch keine Wirkung. Dann kam mein Männe auf die glorreiche Idee, selbst „Wiegenlieder“ zu singen. Ob die Katze dann einschlief, weil es wirklich wirkte, oder nur aus Verzweiflung, weil er sonst nicht aufhörte, keiner weiß das, aber sie schlief damit regelmäßig ein. So entstanden unsterbliche Hits wie zum Beispiel „Eine Feefahrt die ifft lufftig, eine Feefahrt die ifft ffön…“.
Wollte unsere Minigöttin mal nicht so viel futtern, wie wir uns das vorstellten, zerbrachen wir uns den ganzen Tag den Kopf, was mit ihr los sein könnte. So brachte sie uns oft dazu, beim Fressen direkt neben ihr zu sitzen und sie hin und wieder zu streicheln. Alle Futtersorten durchprobieren und ständig angebrochene Dosen wegwerfen, gehörte zu unserem Alltag. Spezialisiert hatte sich die Dame am Ende auf Schah vom Aldi. Alles andere wurde verächtlich angesehen und zugescharrt. Uns konnte es nur recht sein, diese Entscheidung hat unser Budget stark entlastet.
Am schönsten aber war es, wenn Klein-Fee mit einem Papierkügelchen spielte. Dann fegte sie wie ein Derwisch über den Boden kickte die Kugel vor sich her, auf dem Linoleum klappte das besonders gut, und verteidigte ihre Beute gegen alles und jeden. Dabei zeigte sie einen Seitwärtsgang, wie ein Krebs, hatte ein dick aufgeplustertes Fell und aus ihrer Kehle kam ein ganz gefährliches Knurren, wie von einem Hund. Nur, um dieses Knurren zu hören, versuchten wir immer wieder, ihr die Beute abzujagen. Eine stundenlange Beschäftigung für zwei Erwachsene, die sonst eigentlich als normal angesehen wurden.




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