Interview mit Muschi

MuschiSeit einiger Zeit kenne ich eine ältere Katzendame, die schon ihr ganzes Leben bei Familie S. in P. wohnt.
Ich habe sie kennengelernt, weil ich gerne frische Eier von glücklichen, freilaufenden Hühnern esse – Familie S. verkauft sie mir.
Die Katze habe ich anfangs nur von weitem gesehen, kaum kam ich in den Hof, verschwand sie.
Nachdem mit den Jahren aus mir und der Tochter I. Freundinnen geworden waren und ich ihr immer bei der Arbeit
mit ihren beiden Pferden half, lernte ich nach und nach auch ihren Hund Terry II.,
den Familienhund Burschi und die Katze näher kennen. Inzwischen sind wir gute Freunde.
Sie heißt “Muschi”, manchmal auch “Liese” oder “Katze” (wenn sie keine Lust hat, hört sie auf keinen dieser Namen),
wird in diesem Frühjahr 17 Jahre alt und ist dreifarbig, weiß mit roten und graugetigerten Flecken.
Auf dem Foto sieht man sie auf ihrem Lieblingsplatz, dem Warmwasserspeicher unter der Gastherme in der Waschküche,
wo sie sich gerne streicheln lässt und mir mit vielen Miaus aus ihrem Leben erzählt hat:

“Also, dass ich auf meine alten Tage noch mal so berühmt werde und in die Zeitung komme, ist mir ziemlich egal.
Wichtig sind mir mein warmes Plätzchen, viele Streicheleinheiten und natürlich mein Fressen – ich bevorzuge jene quadratischen Aludöschen, für die eine vornehme Kartäuserkatze im Fernsehen wirbt. Auch mein Honorar erhoffe ich in dieser Form!
Hier in der Waschküche ist es zwar nicht ganz so toll wie im Sessel oder Bett meiner Menschen, doch da werde ich meistens sanft, aber unerbittlich entfernt.
Angeblich bekommt es den Topfpflanzen nicht, wenn ich sie im Falle eines dringenden Bedürfnisses “gieße”,
aber was soll ich denn sonst tun?
Ein Katzenklo gab es in diesem Haus noch nie für mich, ich musste immer darum bitten, rausgelassen zu werden.
Also habe ich, jedenfalls im Winter, die Waschküche als Schlafplatz akzeptiert, dort gibt es zwar auch kein Katzenklo,
aber eine alte Badewanne. Wenn ich mal muss, hocke ich mich auf das Abflussloch.
Außer mir schlafen tagsüber auch oft die beiden Hunde hier, aber auf dem Fußboden, ich dagegen habe den besten und wärmsten Platz, von dem aus ich alles im Griff habe. Der Chef bin nämlich ich, erstens, weil ich eine Katze bin und zweitens auch doppelt so alt wie die beiden.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zur Familie S. kam. Geboren wurde ich zwischen den Strohballen einer Scheune, die auch heute noch die “Katzenquelle” von P. ist.
Meine Schwester und mich hatte unsere Mutter vor den Menschen versteckt.
Irgendwann trieb uns die Neugierde aber doch nach unten, und schon war es passiert.
Ein großer weicher Gegenstand fiel auf unsere Rücken, es wurde dunkel um uns und wir wurden als strampelndes Bündel weggetragen.
In unserer Angst haben wir so lange geschrieen, gefaucht und gekratzt, bis es plötzlich wieder hell wurde.
Ich sah lauter eckige Gegenstände und viel Menschenbeine, und kaum dass wir den glatten Fußboden
unter unseren Pfoten spürten, sind wir in der am nächsten gelegenen dunklen Ritze verschwunden.
Ich war ja fest entschlossen, mich nicht noch einmal fangen zu lassen und ließ mir das Fressen unter den Herd servieren.
Meine Schwester hat sich am nächsten Tag ohne Gegenwehr hervorangeln lassen – ich habe sie nie wieder gesehen.
Wenn ich damals gewusst hätte, dass sie wieder zurück zu unserer Mutter gebracht wurde, hätte ich mir weniger Sorgen gemacht. Aber heute bin ich froh, dass sie mich nicht fangen konnten, denn sonst wäre ich heute nicht in die KATZENPOST gekommen.
Damals gab es in der Familie den Hund Terry I., der Katzen über alles liebte.
Ich habe das gleich gespürt und ihn zum Ankuscheln ausgesucht.
Außer mir gab es zwar noch eine andere Katze, einen dicken schwarzen Kater, aber ich durfte mit und auf Terry I. schlafen.
Ich habe viel von ihm gelernt und weiss seit dem sehr gut, wie man sich als Katze einen Hund erzieht.
Gegenüber den Menschen habe ich mich weiter sehr zurückhaltend benommen.

Nach und nach habe ich mich mit meiner Familie angefreundet, zuerst durfte mich I. streicheln und dann die anderen.
Im Laufe des Sommers habe ich mein neues Zuhause erkundet, es gefiel mehr sehr gut:
Ein großes Haus mit vielen Zimmern, ein riesiger Hof, ein großer Garten, mehrere Scheunen, Keller, Schuppen und Ställe
mit Hühnern und Pferden, mit anderen Worten – ein Mäuseparadies – und also auch ein Katzenparadies.
Bei so viel Platz hatte ich nie das Bedürfnis, die Welt da draußen kennenzulernen.
Die einzige Ausnahme habe ich nur gemacht, als I. aus dem Elternhaus in ihr eigenes Haus zog, das aber zum Glück
direkt im Anschluss an den Garten gebaut wurde.
Alles war so neu und ordentlich, ehrlich gesagt, gefiel es mir im alten Haus doch besser.
Vielleicht liegt es an meiner fehlenden Ausflugslust, dass ich so gesund geblieben bin und nur ein einziges Mal im Leben
beim Tierarzt war.
Das war, als ich die heftige Werbung des schwarzen Katers erhört hatte – eine Operation ersparte mir weitere Unannehmlichkeiten. Irgendwann verschwand der schwarze Kater und es gelang mir seitdem meinen Menschen klar zu machen,
dass ich die einzige Katze bei Familie S. bleiben möchte.
Auf Terry I. folgte Terry II., den ich von Anfang an mit erzogen habe, immerhin war ich schon 10 Jahre,
als er als kleiner Welpe zu uns kam. Ein Jahr später brachte die Familie dann aus dem Urlaub noch Burschi mit.
Mit beiden Hunden komme ich gut aus, zwar versuchen sie ab und zu, mich zu ärgern,
in dem sie mich zu neckischen Nachlaufspielchen auffordern, aber wenn ich keine Lust habe,
bekommen sie eins auf die Nase. Ich kehre dann den Chef raus und schon habe ich wieder meine Ruhe.

Von den Menschen der Familie habe ich jetzt M. am liebsten, er hat nämlich verstanden,
welches Futter ich am liebsten fresse und verwöhnt mich auch sonst.
Warum ich mich schließlich herabgelassen habe, als einzigen Menschen außerhalb der Familie die Schreiberin dieser Zeilen
zu akzeptieren, weiß ich auch nicht so genau.
Sie hat mir so geduldig zugeredet, dass ich irgendwann nicht länger widerstehen konnte, und mich zum ersten Mal
von ihr streicheln ließ. Sie streichelte mich außerordentlich fachgerecht, und erwies sich auch sonst als Katzenkennerin,
so dass ich mich mit ihr angefreundet habe. Außerdem kann sie fast perfekt “kätzisch” verstehen und sprechen.
So, jetzt habe ich aber genug erzählt und brauche dringend noch ein Stündchen Schlaf, man ist ja schließlich nicht mehr die Jüngste. Und wenn dieser Artikel in der KATZENPOST erscheint, nicht mein Honorar vergessen!!!

Ich habe zwar noch alle Zähne, bin aber nicht so für die harten Leckerlis, wie die Hunde sie mögen,
sondern mehr für diese feinen kleinen Aludöschen …….
Schnurr!”

Das Interview wurde geführt von Dr. Gisela Santowski, Pleitersheim

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 Wertungen, Sterne: 4,00 out of 5)
Loading ... Loading ...

Sie ist erschienen am Samstag, November 11th, 2006 um 22:32 und findet sich in der Kategorie: Allgemein, Eine Katze erzählt.
Du kannst den Kommentaren zu dieser Geschichte unter folgendem Feed RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Rückmeldung hinterlassen, oder trackback von deiner eigenen Seite.

One Response to “Interview mit Muschi”
  1. Martin Says:

    Mal eine schöne Sicht (Erzählperspektive).

Kommentiere die Geschichte

Comment Spam Protection by WP-SpamFree