Leo aus dem Rif-Gebirge und ein Kater namens Nina

leo_kl.jpgWie man zu Hause in Deutschland an einen Kater oder eine Katze kommen kann, ist klar: Man kauft sich ein Tierchen beim Züchter, man holt es aus dem Tierheim oder es läuft einem zu. Bei unseren beiden Katzen lief das alles ein kleines bißchen “exotischer” ab. Aber schließlich lebe ich auch seit 6 Jahren in Tanger/Marokko.

Mein Mann ist Marokkaner und stammt aus dem malerischen Städtchen Chaouen im Rif-Gebirge, rund 120 km von Tanger entfernt. Natürlich besuchen wir ab und zu seine Familie. An einem schönen Tag im November fuhren wir wieder einmal nach Chaouen – diesmal zusammen mit einem befreundeten deutschen Ehepaar, das ebenfalls in Tanger lebt. Natürlich konnten wir uns mit unseren Freunden und vor allem mit deren Hund im Schlepptau schlecht bei meinen Schwiegereltern einquartieren. Also mieteten wir uns Zimmer in der Pension eines Freundes.

Immer wieder im Verlauf dieser Kurzreise kam das Gespräch auf Haustiere. Unsere Freunde sprachen davon, sich zusätzlich zu ihrer Hündin “Lisbeth” und den beiden Katzen noch einen weiteren Hund zuzulegen. Und ich weiß: auch mein Mann hätte liebend gerne einen. Ich dagegen war von der Idee noch nie sehr begeistert. Schließlich sind wir beide voll berufstätig. “Hast du eigentlich eine Ahnung, was so ein junger Hund für eine Arbeit macht?” fragte ich meinen Mann. “Wenn’s nach mir ginge – ich hätte viel lieber eine Katze. Mindestens eine! Wenn wir ein Haus mit Garten hätten, dann hätte ich vermutlich jetzt schon zehn!” Alle lachten. Aber ich war mir ganz sicher: Irgendwann und irgendwie würde ich zu meinem Kätzchen kommen.

Der Tag unserer Abreise war da. Ich saß mit unseren Freunden noch im Restaurant, während mein Mann kurz bei seiner Mutter war. Als er zurückkam, drückte er mir eine kleine Schachtel in die Hand. “Für dich!”, sagte er nur. “Von deiner Familie?” fragte ich, hob den Deckel ab – und war sprachlos! In dem Karton kauerte ein hinreißendes grau-schwarz-weißes Katzenkind und sah mich mit großen, ängstlichen Augen an. Ich griff behutsam hinein in die Schachtel, um das kleine Wollknäuel hochzunehmen und ein bißchen zu knuddeln. Doch dazu hatte dieser Winzling nun überhaupt keine Lust! Er wehrte sich, sträubte sein Babyfell und fauchte und spuckte, daß es eine wahre Pracht war. Viel Kontakt mit Menschen konnte er noch nicht gehabt haben! Wenigstens nahm er ein Stückchen Käse aus meiner Hand. Verhungern würde er also nicht.

Ich erfuhr, daß ich den kleinen Kater meiner Schwägerin zu verdanken hatte. Weil mein Mann ihre Katze so bewundert, hatte sie uns kurzerhand ein Geschwisterchen davon besorgt. Größeres Bild ? Anklicken !”Leo” nannten wir unseren temperamentvollen Mini-Löwen. Wir breiteten ihm ein Handtuch in seinen Karton, damit er etwas zum Kuscheln hatte, und nahmen ihn mit heim nach Tanger. Am späten Abend kamen wir an. Unsere Freunde statteten uns noch rasch mit einer Notration guter Ratschläge, Futter und Katzenstreu aus – und unser Katzenhalter-Schicksal nahm seinen Lauf.

Ich zog mir ein paar Handschuhe an und hob unser gefährliches Raubtier aus seinem Karton. Kaum saß Leo auf meinem Arm, war er friedlich wie ein Lämmchen und miaute. Na also! Es ging doch! Ich setzte ihn auf den Boden. Wie ein geölter Blitz sauste er unter den Herd, und dort blieb er sitzen, ganz egal, was wir veranstalteten. “Laß nur”, meinte unsere katzenerfahrene Freundin. “Wenn er Hunger hat, kommt er schon wieder vor.” Das mochte vielleicht für alle anderen Katzen der Welt gelten, aber offenbar nicht für unseren Leo! Die ganze Nacht maunzte und miaute in den höchsten Tönen, doch jedesmal, wenn ich nachsehen kam, was dem Kleinen denn fehlte, verkroch er sich wieder irgendwo unter den Möbeln.

Am nächsten Morgen hatte er sein Futter immer noch nicht angerührt. Ich fischte ihn hinter der Stereoanlage hervor und sah ihn ziemlich ratlos an. “Was machen wir nur mit dir?” – “Vielleicht solltest du ihn mit dir herumtragen, damit er sich an dich ge-wöhnt”, meinte mein Mann. Das leuchtete mir ein. Also wanderte der Kleine mit mir ein Stockwerk höher, in unser Büro. Dort krabbelte er prompt unter meinen Pullover und schien sich in der Wärme und Dunkelheit auch ganz wohlzufühlen. Doch auf einmal wurde er unruhig, fing an zu miauen – und ich spürte etwas Warmes. Es roch ganz fürchterlich. Ich sprang auf. “Pfui Teufel! Leo hat auf meinen Pullover gemacht!” Wenn unsere Mitarbeiter das komisch fanden, zeigten sie es jedenfalls nicht. Ich schnappte mir den Übeltäter und eilte zum Umziehen hinunter in die Wohnung. Leo im Büro – das war doch wohl eher eine Kateridee!
Die erste Zeit war schon anstrengend mit dem Kleinen. Gefressen hat er nur, wenn ich ihn fütterte oder wenigstens auf dem Arm hielt. Und statt das Katzenklo zu benutzen, wie wir es ihm wieder und wieder zeigten, verrichtete er seine Geschäfte klammheimlich unter dem Sofa, hinter dem Kühlschrank oder auf unserem Bett. Und ich durfte mich dann jedes Mal mit Gummihandschuhen und Mundschutz bewaffnen und alles wieder saubermachen. So konnte das nicht weitergehen. Das mit dem Katzenklo, das mußte er lernen.

leoundnina1_kl.jpgVielleicht fürchtete er sich ja, wenn er im Bad auf dem Kistchen sitzen sollte. Vielleicht war es ihm dort zu ungeschützt? Weiß man denn, was in so einem Katzenköpfchen vorgeht? Wir quartierten das Katzenklo also in die Küche um, stellten es unter einen Stuhl und breiteten als schützenden Vorhang ein Handtuch darüber. Alle alternativen Schlupflöcher wurden verstopft, und Leo kam ein paar Tage in “Küchenhaft”. Und siehe da – es funktionierte! Er kapierte, wozu das Kistchen gut ist und ging ganz von selber hinein. Und nach einiger Zeit konnten wir die Katzentoilette auch zurück ins Bad stellen. Er fand sie mühelos wieder.

Inzwischen futterte er auch ganz ohne fremde Hilfe und war schon weit zutraulicher geworden. Nur von Fremden läßt er sich nicht gern anfassen. Dafür kennt er keine Angst vor Hunden. Als wir ihn einmal bei unseren deutschen Freunden in Pension geben mußten, schloß er innige Freundschaft mit der Hündin Lisbeth. Die beiden balgten sich, bis sie müde wurden und eng einandergekuschelt einschliefen.

Nur zu Hause war Leo oft alleine. Ich hätte ihm zu gerne ein zweites Kätzchen als Spielgefährten gegeben. Doch zunächst einmal stand Leos Kastration an. Aber wo? Hier gibt’s nicht an jeder Straßenecke einen Tierarzt! Einem Tip von Freunden folgend packten wir schließlich den Kater in die Transportbox und fuhren zum Tierheim. Die Anlage gefiel uns: Es gab Zwinger für Hunde und Boxen für Esel, Maulesel und Pferde. Und Katzen gab es da – in allen Größen und Farben, die man sich nur denken kann! “Sieh mal, die sind schön!”, meinte mein Mann und zeigte auf einen kleinen Extrakäfig, in dem eine eine Mutterkatze mit zwei springlebendigen Jungen untergebracht war. Zwei wirkliche Prachtexemplare! Wenn wir davon davon eines als Spielkameraden für Leo bekommen könnten …!

“Wir würden unseren Kater gerne kastrieren lassen”, erklärten wir dem Tierarzt dieser Anlage. “Das ist doch sicher kein Problem?” Größeres Bild ? Anklicken !Er warf einen prüfenden Blick auf unseren gutgenährten und sorgsam gepflegten Kater. Dann sah er uns an und rückte schließlich mit der Sprache raus: “Wissen Sie, ich mache das eigentlich nur bei Straßenkatzen. In Ihrem Fall ist es vermutlich besser, wenn Sie mit Ihrem Tier in die Tierklinik gehen”. Man konnte ihm förmlich ansehen, was er dachte: ‘Halbeuropäische Besitzer … die hängen sicher furchtbar an dem Tier. Wenn da was schiefgeht, gibt’s Ärger. Also lieber nichts riskieren.’

“Wenn Sie meinen”, sagte mein Mann. “Aber jetzt, wo wir schon mal hier sind, könnten wir doch eine zweite Katze mitnehmen.” Das hörte der Tierarzt natürlich gern. Er griff zu dem Extrakäfig und holte genau die zwei Jungen heraus, die wir uns schon als ideale “Kandidaten” für unser Vorhaben ausgeguckt hatten. “Ich hätte gerne ein Weibchen”, sagte ich, und stellte mir vor, wir schön es wäre, wenn Leo sich gleich in sie verlieben würde. “Kein Problem “, meinte der Arzt, inspizierte die entscheidende Stelle und drückte mir eins der Tierchen in die Hand. “Das ist ein Weibchen.” Wir setzten unseren Familienzuwachs, Nina genannt, zu Leo in den Kennel und beobachteten gespannt, was nun passierte. Die beiden beschnupperten sich. Während Leo sich danach leicht vergrätzt in die letzte Ecke zurückzog, machte Nina es sich mitten in der Box bequem. Wir ahnten schon, wer da bald das Sagen haben würde.

Die Kastration hatten wir nun erst einmal vertagt. Wir brachten unsere beiden Stubentiger so schnell wie möglich nach Hause. Schon am ersten Abend zeigte sich, wie unterschiedlich die beiden Katzen-Temperamente doch waren. Nina zeigte keine Spur von Angst, rannte wie der Blitz durch die Wohnung, spielte mit allem, was sie vorfand und inspizierte jeden Winkel. Und die ganze Zeit über beobachtete unser Leo sie mit Argusaugen. Auch die Sache mit dem Katzenklo hatte die Kleine von Anfang an im Griff. Und von der allerersten Nacht an bestand sie darauf, bei uns im Bett zu schlafen. Sie sprang einfach hinein. Für mich kam das überhaupt nicht in Frage, und ich setzte sie auf den Boden. Sie sprang wieder rauf, ich setzte sie runter, sie sprang wieder rauf … Dieses Spielchen spielten wir eine ganze Weile, dann gab ich auf. “Okay, Nina, du hast gewonnen!”

Sie stellte Dinge an, auf die unser inzwischen gezähmter Leo im Leben nie gekommen wäre. Gleich in der ersten Woche sprang sie auf den Eßzimmerschrank – und dabei ging prompt eine Vase zu Bruch. Und es dauerte nicht lange, da hatte sie begriffen, daß das Essen aus dem Kühlschrank kommt. Sie bearbeitete das Dichtungsgummi an der Kühl-schranktür so lange mit ihren Krallen, bis die Tür aufsprang. Ich erwischte sie gerade noch dabei, wie sie sich eine Scheibe Schinken angeln wollte… Ein Schrei, ein Klaps – und seither ist das nie wieder vor.gekommen. Meinen herrlichen Farn hat Nina auch auf dem Gewissen. Sie sprang mit Vorliebe in den Blumentopf und nagte die Farnwedel ab. Seitdem bleibt die Wohnzimmertür tagsüber zu. Aber man kann ihr bei all den Streichen nie wirklich böse sein. Nur Leo war anfangs ein bißchen eifersüchtig auf den temperamentvollen Wirbelwind.

Ein bißchen etwas lernt man ja in Lauf der Zeit über seine Haustiere. Und wenn ich mir unsere Nina so ansah, kam es mir schon komisch vor, daß sie eine Kätzin sein sollte. Aber der Tierarzt hatte es gesagt, und der mußte es ja schließlich wissen. Bei einer Routine-Untersuchung in der Tierklinik bestätigte sich dann mein Verdacht: Unsere Nina ist in Wirklichkeit ein Kater – und heißt seitdem Max.

Katze oder Kater, Nina oder Max – unseren beiden Tieren ist das egal. Leo hat seine Eifersucht auf Max inzwischen überwunden und sich sogar ein bißchen von seinem quirligen Temperament anstecken lassen. Inzwischen jagen die beiden einander durch die Wohnung, schlafen eng aneinandergekuschelt und sind auch sonst dicke Freunde. Was Leo hat oder frißt, das muß auch Max haben. Und so langsam verlieren beide auch ein bißchen ihre Scheu vor Fremden. Leo scheint begriffen zu haben, daß Besucher ihm nichts Böses wollen. Der kleine Max ist noch nicht restlos davon überzeugt. Er schaut sich lieber alles aus sicherer Entfernung an.

Noch ist Max nicht ganz ausgewachsen. Er ist zierlich und hat ein langes, flauschiges Fell bekommen. Wir rätseln immer noch, welche Rassekatze dabei wohl mitgemischt hat. Leo dagegen ist ein ganz normaler und etwas pummeliger marokkanischer Hauskater. Doch ich bin sicher: So lange Max ihn so auf Trab hält, braucht er keine Diät!

Autor: Elisabeth Alami & Edith Nebel

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Sie ist erschienen am Mittwoch, Dezember 13th, 2006 um 18:33 und findet sich in der Kategorie: Katzengeschichten, Meine Katze.
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