Die Ankunft
Zehn Jahre war ich alt. Meine Liebe galt Pferden, Hunden und irgendwann danach allen anderen Tieren. Was ich bis dahin hatte, waren fremde Tiere und Papas Bienen. Also beschäftigte ich mich damit, fremde Hunde Gassi zu führen, über Weidezäune zu klettern und mich in Ställe zu schleichen. Bis es eines Abends bei uns an der Tür klingelte. Meine Cousine stand mit einem Pappkarton in der Hand vor der Tür. In ihrer Firma gab es eine Fabrikkatze, die ihren Wurf verlassen hatte. Vermutlich war sie überfahren worden. Die kleinen Kätzchen mussten sofort untergebracht werden. Selbst konnte meine Cousine wegen ihres Hundes keines nehmen, hatte aber zum Leidwesen meiner Eltern, an meine Schwester und mich gedacht und kurzerhand eine kleine Glückskatze mitgenommen.
Das Minikätzchen, das in einer Ecke des Kartons kauerte, war vielleicht fünf Wochen alt, nicht älter. Auch, wenn meine Eltern die Hände über dem Kopf zusammen schlugen, konnten sie doch ein kleines bedürftiges Wesen nicht abweisen. Komisch, meine Kröten hatten sie immer ausgesetzt. Kaum glaubte sich die Miniaturkatze unbeobachtet, entfloh sie ihrem Gefängnis und flüchtete unter den Küchenschrank in die äußerste hintere Ecke. Dort sollte sie auch erstmal nicht wieder hervor kommen. Meine Eltern wiesen uns an, die kleine Katze einfach zu ignorieren, die käme schon hervor, wenn sie Hunger hätte. Meine Schwester, mit sechs Jahren Altersvorsprung, zeigte natürlich keine Neugier und Ungeduld. Schließlich war man mit sechzehn Jahren seinem Ruf was schuldig. Also konnte ich mich ungestraft als Katzenbesitzer sehen.
Abends, zur Schlafenszeit, hatten wir immer noch kein Schnurrhaar der Katze zu sehen bekommen. Zuvor hatte ich eine Unterhaltung meiner Eltern mit angehört, die sich nicht sicher waren, ob die Kleine überleben würde. Keiner wusste, wie lange die Mutter die Kitten nicht mehr versorgt hatte. Wenn sie nicht bald fressen würde, könnte sie zu schwach werden. Meine Katze und sterben, das kam ja gar nicht in Frage. Als alle schliefen, schlich ich mich aus dem Bett und legte mich auf den Boden vor den Schrank. Lange erzählte ich der kleinen Katze, dass sie bei uns sicher sei, dass sie doch rauskommen und fressen könne. Dabei streckte ich eine Hand unter den Schrank und kratzte leicht mit den Fingern auf dem Linoleum. Irgendwann hatte ich die Aufmerksamkeit der Kleinen erregt. Vorsichtig tatzte sie nach meinen Fingern. Ein erster Kontakt war entstanden. In dieser Nacht kam sie noch nicht zum Vorschein, aber am nächsten Abend. Meine Eltern fühlten sich darin bestätigt, dass man sie nur in Ruhe lassen musste, ich war überzeugt, dass sie meine Freundin geworden war. Natürlich hütete ich mein Geheimnis sorgfältig. Mit zehn Jahren ist einem Kind durchaus klar, dass nächtliche Eskapaden egal welcher Art von Eltern nicht gerne gesehen werden.
Das nächste Problem war, dass unsere Mietze, dieser einfallslose Name blieb leider an ihr hängen, offenbar noch nie feste Nahrung zu sich genommen hatte. Gleichgültig, ob wir ihr Dosenfutter oder Milch hinstellten, sie konnte offenbar noch nicht fressen und trinken. Vielleicht ist es normal, dass die einfachsten Ideen von Kindern kommen. Erwachsene haben zu viele feste Vorstellungen im Kopf verankert. Für mich war die Lösung logisch. Kleine Katzen saugen bei ihrer Mutter. Also tauchte ich den Finger ins Futter und ließ Mietzi daran saugen. Nach ein paar Versuchen, bei denen ich den Finger immer näher ans Futter brachte, klappte es dann auch aus dem Schälchen. Jetzt war ich sicher, dass unser Neuzugang es schaffen würde und konnte in der folgenden Zeit die Kapriolen eines ausgelassenen, glücklichen Kätzchens genießen. Mindestens für ein halbes Jahr traten die Träume vom eigenen Pferd in den Hintergrund.
Erinnerungen
Zum ersten Mal durfte ich sie erleben, die uneingeschränkte Zuneigung einer kleinen Katze. Es gibt, denke ich, nichts Schöneres, als zu spüren, wie sich ein Katzenkind vertrauensvoll auf dem Schoß zusammenrollt und leise schnurrend langsam in den Schlaf hinüber gleitet. Wenn dann noch die kleinen Pfötchen beim Träumen zucken, schmelze ich weg. So war es auch bei unserer Mietze. Sie kam, sah und siegte, ohne sich anstrengen zu müssen. Vergessen waren erstmal Hunde und Pferde, mein Herz war vergeben.
Anfangs war unser Fabrikkätzchen noch so klein, dass sie ohne Hilfe nicht auf den Stuhl springen konnte. Die Hilfe war dann immer das Bein von einem Familienmitglied. Mit Anlauf sprang sie bis in die halbe Höhe und kletterte von dort wie ein Äffchen übers Knie auf den Schoß. Bei mir war das nicht schlimm, ich trug Jeans. Bei meiner Mutter, die immer Nylons trug, führte diese Angewohnheit zu kleinen spitzen Schmerzensschreien, gefolgt von: Oh nein, schon wieder eine Strumpfhose kaputt.
Mietze war natürlich auch sehr neugierig. Nachdem die anfängliche Angst überwunden war, erkundete sie jeden Winkel der Wohnung. Einer ihrer Lieblingsplätze war mein Bettkasten, ein Schubkasten, in dem Extradecken für den Winter lagen. Das Innenleben von Schränken war so interessant, dass die kleine neugierige Maus alle Tricks versuchte, um hineinzugelangen. Das führte dazu, dass wir sie einen ganz Tag lang in der Wohnung suchen mussten, bis wir sie in einem Küchenunterschrank fanden. Dort schlief sie seelenruhig zwischen Töpfen und Pfannen.
An unserer Katze war alles dran, was dazugehört, nur hatte sie keine Stimme. Wenn sie versuchte, ein Miau von sich zu geben, öffnete sich das Mäulchen, das Gesicht verzog sich etwas und heraus kam ein kaum hörbares: ngn. Unsere Theorie war, dass die Katzenmutter die Kleine zu fest oder zu lange beim Tragen am Nacken gepackt hatte und dabei Kehlkopf oder Stimmbänder verletzt hatte. Ob das stimmte, haben wir nie erfahren.
Fremde waren für unsere Mietze keine gern gesehenen Gäste, sondern immer, schon bei der ganz kleinen Katze, große, bedrohliche Ungeheuer. Wenn es klingelte oder klopfte, verschwand sie wie ein Phantom. Das sollte sich in ihrem ganzen Leben nicht ändern. Grundsätzlich akzeptierte sie nur Menschen, bei denen sie lange Zeit hatte, sie kennen zu lernen und, die sich dabei möglichst ruhig verhielten. Verwunderlich fand ich, dass sie offenbar meine Mutter, die ein eher lautes Gehabe hat, zu ihrem mittäglichen Ruheplatz auserkoren hatte. Meine Mutter legte sich zum Mittagsschlaf regelmäßig mittags bäuchlings auf die Eckbank. Kaum lag sie, sprang unser Floh in die bequeme Kuhle am Ansatz des zugegebenermaßen etwas ausladenden Hinterteils, das sich dann einladend in die Luft streckte.
Weniger beliebt war sie dann bei meiner Schwester, der sie grundsätzlich beim Essen auf den Schoß kletterte. Ein gequältes Gesicht, vornehm seitlich abgespreizte Hände und: Kann mal jemand die Katze von mir runter nehmen, waren die unvermeidlichen Folgen. Mein Vater hingegen war das ideale Katzenopfer. Stundenlang konnte er stillsitzen, die Katze auf seinem Schoß zusammengekringelt. Später dann, als Mietze groß genug war und nachts raus durfte, trug immer er sie auf den Händen bis vor die Tür, wo sie sich genüsslich reckte und streckte, ihm zum Abschied Köpfchen gab, bevor sie auf ihre nächtlichen Jagdausflüge verschwand
Die Katze bekommt Junge
Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und fand unsere Mietze ganz elend vor. Sie rutschte auf dem Boden herum und gab ganz erbärmliche Laute von sich. Offensichtlich litt sie sehr. Die Laute schwollen an und wieder ab. Es war ein Heulen, dass mir den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Dabei hörte sie nicht auf, unablässig über den Boden zu rutschen. Erzählen konnte ich ihr, was ich wollte, sie streicheln, nichts half. Verzweifelt rief ich meine Mutter, die mit dem Verhalten auch nichts anfangen konnte. Wir wollten mir der Katze schon zum Tierarzt fahren, als unser Nachbar uns aufklärte. Unsere Katze sei rollig. Es wäre auch schon ein Kater bei ihr gewesen. Ganz konnte ich seine Erklärung nicht glauben, wie konnte es denn sein, dass sie so leiden musste, ohne schwer krank zu sein? Aber er behielt Recht. Nach ein paar Tagen war die Phase der Rolligkeit vorbei und es kehrte wieder Ruhe ein.
Nun war es damals so, dass Katzen in der Regel nicht kastriert, sondern sterilisiert wurden. Dass sie weiterhin rollig wurden, störte niemanden. Die meisten Katzen, zumindest auf dem Land, aber auch in der Stadt, waren sowieso Freigänger, die sich dann eben ihren Kater suchten. Krankheiten wie FIV/Felv, Leukose oder FIP waren noch lange kein Thema. Also war es auch bei uns geplant, dass Mietze wenigstens einen Wurf Kätzchen bekommen sollte. Der Anfang dazu war schon mal gemacht. Langsam aber sicher rundete sich der Bauch unserer Katze. Sie futterte mindestens für zwei ausgewachsene Mietzen und bewegte sich von Tag zu Tag langsamer und vorsichtiger. Wenn ich die Hand auf ihren Bauch legte, konnte ich schon spüren, dass sich unter der Bauchdecke etwas bewegte.
Meine Mutter wollte natürlich nicht, dass Mietze ihre Kinder in der Wohnung bekam. Sie bereitete eine Wurfkiste vor, die sie in einen Kellerraum stellen wollte. Das hört sich brutal an, war aber der Raum, den unsere Katze auch nachts von draußen immer betreten konnte und damit auch ihr Reich. Mietze hatte andere Pläne. Tagelang tigerte sie unruhig durch die Wohnung, immer auf der Suche nach einem Platz, der ihr genehm war. Derweilen versuchte meine Mutter unsere Katze mit Argusaugen zu beobachten, damit ihr auch ja kein Versuch entgehen sollte, die Kitten etwa im Wohnzimmer auf dem Teppich zu bekommen. Nun, erstmal hat Mietze den Kampf gewonnen. Ihre Babys kamen in meinem Bettkasten zur Welt. Als ich sie fand, hatten zwei schon das Licht der Welt erblickt, später sollten noch drei Junge kommen. Ein Glückskätzchen, ganz die Mama, ein rotes Katerchen, ein schwarzes und zwei Tigerchen. Ganz gebannt war ich von diesem Wunder, beobachtete, wie meine Mutterkatze direkt nach der Geburt die Fruchtblasen entfernte, die Kleinen sauber leckte und sofort anlegte, damit sie trinken konnten. Schmerzen schien sie keine zu haben. Nach der Geburt wurden Mutter und Babys dann doch noch in die Wurfkiste verfrachtet und in ihren Keller gebracht.
Die Mutter sollte ihre Ruhe haben, ich durfte sie nicht stören. Als ich am nächsten Tag nach den Kleinen sah, fand ich nur noch zwei vor, das Glückskätzchen und das rote Katerchen. Die anderen drei Kleinen waren verschwunden. Was war geschehen? Meine Eltern hatten nur für zwei Katzen Abnehmer. Die hatten sie gefragt, welche sie aus dem Wurf haben wollten. Die anderen wurden von meinem Cousin, der Metzger war, chloroformiert und getötet. Für mich brach eine Welt zusammen. Hatte ich bisher, im Vertrauen darauf, dass Eltern alles richten können, immer nach ihnen gerufen, wenn ein Tier Probleme hatte, überlegte ich jetzt immer vorher, ob ich nicht das Tier vor ihnen beschützen musste.
Die beiden überlebenden Kätzchen waren unsere ganze Freude. Tag für Tag sah ich sie wachsen. Sobald sie die Augen geöffnet hatten, klebte ich wie Kaugummi an ihnen. Jeden Schritt, jedes neue Spiel, jedes Schwanken auf vier Pfötchen war ein kleines Wunder. Schon direkt nach der Geburt waren sie perfekt. Die Miniaturpfötchen waren mit kleinen Krallen versehen, das Fell war zwar feucht, aber schon überall vorhanden. In den ersten Wochen verschleppte unsere Mietze die Kleinen ständig. Mal fand ich sie im Bettkasten, dann wieder im Wohnzimmer hinter der Gardine. Das beruhigte sich erst, als meine Mutter aufhörte, sie immer wieder in ihre Kiste, die mittlerweile im Esszimmer stand, zurück zu tragen. Mietze hatte ihre eigene Vorstellung von einem guten Kinderzimmer und setzte sich mit ihrer Beharrlichkeit schließlich durch.
Mietze säugte die Kleinen noch, als die Fahrt zum Tierarzt anstand, um sie sterilisieren zu lassen. Meine Tante hatte sich angeboten uns mit dem Auto nach Neuwied zum Tierarzt zu fahren. Es war die erste Autofahrt, die unsere Katze als Erwachsene mitmachte. Einen Katzenkorb hatten wir nicht. Schon zu Beginn befreite sie sich aus dem Einkaufskorb, der als provisorischer Tragkorb diente. Sie sprang meiner Tante ins Lenkrad. Zum Glück stand das Auto da noch vor dem Haus. Meine Mutter und ich hielten Mietze zu zweit auf der Fahrt fest, damit nichts passierte. Wie wir die Katze vom Auto in die Tierarztpraxis gebracht haben, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall kamen wir heil an. Dann mussten wir Mietze abgeben. Wir warteten in der Praxis. Schließlich durften wir ins Sprechzimmer zurückkommen. Der Tierarzt war sauer. Unsere Mietze war wohl, obwohl sie noch gesäugt hatte, schon wieder trächtig gewesen. Deshalb konnte er sie nicht wie vorgesehen sterilisieren, sondern musste eine Totaloperation vornehmen. Er hat uns noch gesagt, dass sie diesmal sechs Junge bekommen hätte. Dann hat er uns Mietze mitgegeben. Es war furchtbar. Die Katze lag lange da wie tot. Zu Hause brachten wir sie im Badezimmer unter. Die meiste Zeit blieb ich bei ihr, um sie zu beobachten. Als sie aus der Narkose zu sich kam, schwankte sie furchtbar und erbrach sich. Ihr Zustand blieb zwei Tage sehr schlecht. Die meiste Zeit heulte ich und verfluchte den Tierarzt. Ungerechterweise gab ich ihm die Schuld für den erbärmlichen Zustand meiner geliebten Katze. Zum Glück erholen Katzen sich schnell von Wunden, auch von größeren Operationen. Schon bald war Mietze wieder die alte und wir konnten zusehen, wie die Wunde zuerst vernarbte und dann das Fell darüber wuchs. Die Kleinen hatten sich in den zwei Tagen nach der Operation auf Dosenfutter umgestellt.
Als die Kätzchen etwa sechs Wochen alt waren, nahmen wir sie in einem Korb mit nach draußen auf die Wiese. Mietze ließ uns dabei keine Sekunde aus den Augen. Überhaupt duldete sie Menschen immer nur eine begrenzte Zeit bei ihren Kleinen. Wurde es ihr zuviel, schleppte sie eins nach dem anderen in ihr Versteck. Auch, als sie sie nicht mehr säugte, änderte sich dieses Verhalten nicht. Das Glückskätzchen blieb nicht lange bei uns. Es war ungefähr 10 Wochen alt, als es von seiner neuen Besitzerin abgeholt wurde.
Das Katerchen aber, Peterle, den ich eigentlich Rasputin getauft hatte, hatte mehr Zeit mit uns und seiner Mutter. Der kleine rote Racker wuchs und gedieh prächtig. Im Unterschied zu seiner Mutter hatte er einen ganz offenen Charakter. Ohne Scheu kam er auf jeden Menschen zu, spielte, kuschelte und suchte geradezu die menschliche Nähe. Meinem Vater war er richtig ans Herz gewachsen und ich machte mir im Stillen schon Hoffnungen, dass wir ihn selbst behalten würden. Aber keine Chance, auch Peterle wurde schließlich abgeholt. Fast vier Monate war er da schon alt, strotzte vor Kraft und Übermut. Meinem Vater fiel es wohl am schwersten, den kleinen Banditen herzugeben. Unsere einzige Chance wäre es aber gewesen, wenn der Interessent abgesagt hätte. Mietze litt zu der Zeit nicht mehr unter der Trennung. Bereits seit mindestens einem Monat ließ sie ihren Sprössling seiner eigenen Wege ziehen. Für sie war der Alltag wieder eingekehrt, ihre Mutterrolle, die sie mit solcher Leidenschaft ausgefüllt hatte, war beendet.
Mietzes Erlebnisse
Unsere Mietze war immer eine ganz besondere Katze. Damals hielten wir das leider für selbstverständlich, weil wir keine andere kannten. Nicht ein einziges Mal versuchte sie auf den Tisch zu springen, immer, wenn sie mal musste, setzte sie sich abwartend vor die Wohnungstür und saß dort geduldig, bis jemand sie nach draußen ließ. Noch nicht einmal als kleine Katze, aber auch später nicht, sahen wir ihre Krallen, ein gesträubtes Fell und hörten auch nie ihr Fauchen. Alles, was sie uns zeigte, war verspielt, zärtlich und unendlich geduldig.
Nachts war sie eine andere Katze. Sie war die Jägerin, die Herrscherin ihres Reviers, das sich auch nach der Kastration noch über mehr als einen Kilometer im Umkreis erstreckte. Mein Vater traf sie manchmal bei der morgendlichen Joggingrunde an völlig unerwarteten Stellen. Dabei schien sie ihn nie zu bemerken, lauerte immer einer möglichen Beute auf und war ganz wilde Katze. Wenn wir morgens aufstanden, saß sie vor der Wohnungstür und zeigte uns wieder ihre zivilisierte Seite. Die Ergebnisse ihrer nächtlichen Ausflüge fanden wir häufig fein säuberlich aufgereiht neben unserer Garage. Wie zur Präsentation hergerichtet lagen da Haus-, Wühl- und manchmal Spitzmäuse oder Maulwürfe, vereinzelt auch Ratten. Vögel waren nicht dabei. Was nicht heißen soll, dass sie keine Vögel fing oder zu fangen versuchte. Nur schien es ihr so selten zu gelingen, dass sie diese Beute dann doch nicht mit uns teilen wollte.
Einmal, als eine besonders große Ratte bei den Beutestücken lag, sahen wir auch die Kampfspuren an unserer Katze. Tiefe Kratzer und eine hässliche Bisswunde waren die Ergebnisse einer erfolgreich geschlagenen Schlacht, von Jagd konnte man bei dieser Beutegröße nicht mehr sprechen. Ein andermal kam sie erst nach mehreren Tagen nach Hause, schleppte sich nur noch durch die Gegend und reagierte auf jede Berührung empfindlich. Wahrscheinlich war sie von jemandem geschlagen worden. Von dem Tag an mied sie Männer, die Schirm oder Stock trugen. Auch an den Bewohner der benachbarten Siedlung, der keine Katzen in seinem Garten haben wollte, musste sie geraten sein. Sie kam eines Tages mit akuten Vergiftungserscheinungen heim. Der Tierarzt tippte auf Rattengift. Sie verlor fast das ganze Fell, erbrach fast alles, was man ihr anbot und schwebte mehrere Wochen in Lebensgefahr. Zum Glück siegte schließlich ihr Lebenswille und sie begann, sich langsam zu erholen. Da besagter Siedlungsbewohner in seinem Vorgarten einen Fahnenmast mit Flagge aufgestellt hatte, begegne ich seitdem Fahnenträgern mit Vorsicht. Diese Masten auf gestutztem Rasen bringe ich heute noch mit Rattengiftködern in Verbindung.
In der warmen Jahreszeit, wenn wir uns auch überwiegend draußen aufhielten, leistete unsere Mietze uns gerne im Garten Gesellschaft. Meistens lag sie dann an einem sonnigen Plätzchen, verschlief den größten Teil des Tages und blinzelte nur ab und an zu uns hinüber, um zu kontrollieren, ob wir noch in der Nähe waren. Manchmal packte sie aber auch der Schalk, dann lauerte sie in der Himbeerhecke und wartete, bis einer von uns bei der Ernte in ihre Nähe kam. Plötzlich landete einem dann ein schnurrendes Fellknäuel auf dem Rücken.
Mit anderen Katzen hatte sie keinen Vertrag. Grundsätzlich waren das Eindringlinge in ihrem Revier, die unter Aufbietung aller Möglichkeiten vertrieben werden mussten. Auch, wenn sie zu den kleinen Katzen zählte, hat sie so manchen großen Kater aus ihrem Stammrevier vertrieben. Eine Ausnahme bildete der kastrierte Kater der Familie, die unter uns wohnte. Zunächst war er ein reiner Wohnungskater, dann sollte er, weil die Umstände so günstig waren, an einen begrenzten Freigang gewöhnt werden. Das erste Mal draußen, ging er an Geschirr und Leine spazieren. Neugierig erkundete er alles, was in seiner Reichweite war. Auch unsere Mietze wollte er gerne begrüßen. Er sah in ihr vielleicht eine mögliche Spielgefährtin, auf jeden Fall aber eine Artgenossin, die er gerne beschnuppern wollte. Entgegen ihrer sonstigen, aggressiven Reaktion auf andere Katzen, drehte sich unsere Mietze einfach um und legte sich außerhalb seiner Reichweite wieder ab. Fast konnte man ihr das Naserümpfen ansehen. Was, das soll ein Kater sein? Ist ja wohl nicht wahr. Auch spätere Annäherungsversuche des wirklich lieben und sozialen Kerlchens wurden genauso herablassend ignoriert. Offenbar nahm sie ihn nicht ernst.
Mit anderen Tieren hatte sie zwar mehr Kontakt, aber nicht unbedingt feiwillig. Da gab es eine Amsel. Sie machte sich einen Spaß daraus, unsere Katze zu foppen. In relativ kurzem Abstand saß sie vor Mietze und schien die lauernde Katze nicht zu bemerken. Erst, wenn die Katze schon sprang, flog sie auf. Dieses Spiel wiederholte sich mehrmals am Tag über mehrere Wochen hinweg. Schließlich gab Mietze auf. Wenn diese spezielle Amsel vor ihr über die Wiese hüpfte, drehte sie den Kopf auf die andere Seite und tat nun ihrerseits so, als ob sie den Vogel nicht bemerken würde. Das ging soweit, dass die Amsel sich schließlich ungeniert aus Mietzes Futternapf bediente und dafür noch nicht einmal einen empörten Blick erntete. Diese merkwürdige Freundschaft dauerte mehrere Jahre an.
Kürzer hingegen war die Beziehung zu einem Igel. Sie dauerte nur einen Sommer lang und war für Mietze fast noch unerfreulicher, als die Amsel. Vom Balkon herab konnten wir eines Tages beobachten, wie Meister Petz sich schmatzend über das Katzenfutter hermachte. Unsere Mietze stand völlig fassungslos daneben und versuchte den Räuber immer wieder mit der Pfote aus dem Napf zu stupsen. Da diesem aber seine Stacheln als Waffen zur Verfügung standen, war der einzige Erfolg dieser Aktion, dass unsere Katze laufend die schmerzenden Pfoten schüttelte. Hilflos musste sie zusehen, wie ihr Abendessen im gierigen Mäulchen dieses kleinen, doch so wehrhaften Tieres verschwand. Nachdem wir gemeinerweise dieses Schauspiel bis zum Ende ausgekostet hatten, bekam sie natürlich noch eine extra Portion. Sie wirkte aber immer noch verstört. Für den Rest des Sommers stellten wir immer eine zweite Futterschüssel nach draußen, so dass Katze und Igel einträchtig fressen konnten.
In der Wohnung hatte sie auch noch gelegentlich tierische Gesellschaft. Im Vorabendprogramm der ARD gab es damals Pausenfilme. In einem, vom Sender Stuttgart, zwitscherten mehrere Schwalben, die auf einer Oberleitung saßen, fröhlich vor sich hin. Jedesmal sprang unsere Jägerin auf, stellte sich zunächst auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten an den Bildschirm gelehnt, schnüffelte und versuchte anschließend hinter dem Fernsehgerät zu ergründen, wo sich die leckeren Vögel denn nun befanden.
Der Umzug
Während meines Studiums lebte ich in Fulda und kam während des Semesters nur etwa ein- bis zweimal im Monat nach Hause. Wenigstens einen Teil der Semesterferien verbrachte ich dann doch bei meinen Eltern. Mietze konnte ich natürlich nicht mitnehmen. Sie war eine Freigängerin mit Leib und Seele. In der Stadt wäre sie vor Kummer gestorben. Abgesehen davon hätten meine Eltern sie auch niemals hergegeben. Sie hatte sich in ihr Herz geschlichen und war nicht mehr wegzudenken. Gegen Ende meines Studiums beschlossen meine Eltern noch mal umzuziehen. In ein Haus in einem reinen Wohngebiet, aber ohne Felder und Wiesen drum herum. Was tun mit unserer Katze? War sie in ihrem Alter, sie war schon 13 Jahre alt, noch in der Lage, sich umzugewöhnen? Und würde sie nicht, kaum wieder auf Freigang, einfach quer durchs Dorf in ihr gewohntes Revier zurück laufen? Wir hatten von vielen Katzen gehört, die wieder und wieder in ihr altes Zuhause zurückgekommen waren. Und unsere Mietze liebte ihr Revier, das wussten wir genau. Nach langem Hin und Her, wobei auch Überlegungen aufkamen, Nachbarn zu bitten, ihr ein neues Zuhause zu geben, beschlossen meine Eltern, den Versuch zu wagen.
Der Tag des Umzugs nahte. Zunächst ließ man die Katze noch stromern, wie sie wollte. Sie hatte Zugang zum Keller, wo Futter und Wasser standen und wurde immer, wenn sie wollte, hereingelassen. Die Möbelpacker kamen und räumten alles aus, was nicht niet- und nagelfest war. Mietze aber blieb noch dort. Zunächst wurde das neue Haus eingerichtet, dann erst sollte die Katze einziehen. Mit einer Wohnungskatze wäre man sicher besser andersherum verfahren, für unsere Revierkatze war es ein kleiner Aufschub. Am nächsten Tag, als die Handwerker und Umzugsleute das Haus verlassen hatten, wurde unsere Katze umgesiedelt. Im geliehenen Transportkorb machte sie eine an und für sich kurze Reise von knapp zwei Kilometern. Doch welche Unterschiede erwarteten sie da? Bisher waren rund ums Haus erstmal Wiesen und Felder, dann die Siedlung, Bäume und wieder Wiesen. Zwischendrin Feldwege und nur in einer Richtung stieß man auf eine stärker befahrene Straße. Im neuen Zuhause kamen gepflegte Vorgärten, Häuser, Straßen, Zäune, Häuser, eine stärker befahrene Straße, Rasen, Vorgärten und Häuser, zwischendrin gerademal zwei oder drei noch nicht bebaute Grundstücke.
Wie allgemein bekannt ist, soll man Freigänger nach einem Umzug erstmal für einige Wochen im Haus lassen. So war es auch von meinen Eltern geplant worden. Im Keller hatte sie ein Katzenklo stehen, ansonsten sollte alles wie immer sein, außer, dass sie nachts drin bleiben musste. Jetzt kannte unsere Mietze ein Katzenklo nur aus Zeiten, wenn sie krank war oder Junge hatte. Aber immerhin, kennen musste sie es. Benutzen war aber anscheinend ausgeschlossen. Die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag setzte sie nicht ein einziges Mal Kot oder Urin ab. Sie lief elend schreiend, obwohl sie sonst nie Laute von sich gab, durchs ganze Haus und versuchte an jeder Tür, an jedem Fenster, ob sie da hinaus könnte. Schließlich ging es soweit, dass sie gegen ihren Willen eine stinkende Flüssigkeit verlor. Nur Tropfen, aber diese Tropfen fraßen sich in den Beton des Kellerbodens. Meine Eltern konnten das Elend nicht mehr mit ansehen. In der traurigen Gewissheit, dass Mietze wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen würde, sondern stattdessen in ihr altes Revier ziehen würde, öffneten sie ihr die Katzenklappe.
Die ehemaligen Nachbarn wurden informiert, dass sie nach unserer Katze Ausschau halten sollten. Am nächsten Morgen öffnete meine Mutter zum Lüften die Terrassentür. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte sie unsere Mietze, die nun mit größter Selbstverständlichkeit hinein und zum Frühstück in die Küche marschierte. Eine Katze ist eben doch nicht wie die andere Katze, unsere Mietze war schon immer besonders. Jetzt wirklich im neuen Zuhause angekommen, eroberte sie nach und nach ihr neues Revier. Anders, als in ihrem alten Revier, blieb sie aber nie wieder länger als eine Nacht unterwegs. Die Zeiten des Streunens waren vorbei.
Der Abschied
Abgesehen von Verletzungen, Vergiftungen und den Folgen der Kastration war unsere Mietze nur einmal in ihrem Leben krank gewesen, mit Durchfall. Das dauerte aber nur ein paar Tage und konnte mit Hausmitteln behandelt werden. Uns schien sie immer rundum gesund zu sein. Klein, von schlanker Gestalt, wohlproportioniert und mit klaren Augen durchstreifte sie diese Welt. Ein vorsichtiges, Menschen gegenüber leicht ängstliches, Wesen, das mit einer gehörigen Portion Klugheit und Lebensmut gesegnet war.
Ernährt wurde sie, wie damals auf dem Land üblich, anfangs mit Milch, Resten vom Tisch und Trockenfutter. Dass sie überhaupt die nötigen Nährstoffe bekam, verdankte sie ausschließlich ihrer Jagdbeute. Als einmal die ganze Familie in Urlaub war, bekamen die Nachbarn von uns Dosen mit Supermarktfutter. Bei unserer Rückkehr stellte uns Mietze vor vollendete Tatsachen. Das, oder ich trete in den Hungerstreik. Auch, wenn meine Eltern der Meinung waren, es sei Verschwendung dieses Dosenfutter zu kaufen, wollten sie das Risiko einer Unterernährung bei Mietze doch nicht eingehen und kauften fortan gehorsam Katzenfutter in Dosen.
Seit dem Umzug der Familie fraß unsere Katze quasi nichts anderes mehr, die Jagderfolge im Wohngebiet ließen mehr und mehr zu wünschen übrig. Ob es am Futter, einer Krankheit oder schlicht am Alter lag, sie baute mehr und mehr ab. Es begann damit, dass sie ihre Zähne verlor. Bald kaute sie nur noch auf den Felgen, ihr Futter wurde für sie püriert. Als nächstes ließ ihre Krallenpflege nach. Zum ersten Mal mussten ihre Krallen geschnitten werden, weil sie immer im Teppich hängen blieb und auch, weil die Gefahr des Einwachsens bestand. War sie früher eine scheue Katze gewesen, die nur am Abend die Nähe ihrer Menschen suchte, war sie jetzt so anhänglich wie nie zuvor. Beugte man sich zu ihr hinunter, um sie zu streicheln, kletterte sie einem auf den Schoß und krallte sich dort regelrecht fest. Wir gewöhnten uns an, ein Handtuch für diesen Fall bereit zu halten, da sie auch begonnen hatte, stark zu sabbern.
Zu der Zeit lebte ich schon nicht mehr zu Hause. Nur bei meinen Besuchen bekam ich die Veränderung unserer Mietze mit. Für mich, die die Entwicklung in Abständen verfolgte, war es erschreckend mit anzusehen, wie schnell und unwiderruflich die Alterserscheinungen meine Katze zeichneten. Trotzdem war es ein Schock für mich, als meine Eltern anriefen, um mir zu sagen, dass sie Mietze hätten erlösen lassen. Hätte ich es geahnt, wäre ich natürlich bei ihr gewesen. Aber meine Eltern wussten es vor dem Tierarztbesuch selbst nicht. Seit einigen Tagen hatte sie nach und nach das Fressen eingestellt. Sie bewegte sich kaum noch und wollte ihren Platz auf dem Schoß gar nicht mehr verlassen. Mit einer Vorahnung, aber auch einem Rest Hoffnung fuhr mein Vater mit ihr zum Tierarzt. Dieser stellte Krebs in weit fortgeschrittenem Stadium fest und sah keine Chance auf eine Heilung. Die Entscheidung war eigentlich keine, Mietze sollte nicht länger leiden müssen. Mein Vater hielt sie bei ihren letzten Atemzügen auf dem Arm. Er sagte mir später, dass sie ihn mit ihrem letzten Blick noch vertrauensvoll angesehen hätte. Es macht mich immer noch traurig, dass ich keinen Abschied von ihr nehmen konnte.




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