Merlin

MerlinMerlin – Wie alles anfing
In unserer Dachgeschoßwohnung mitten in der Stadt lebte außer uns, meinem Mann und mir, noch eine weitere Bewohnerin. Sie war schwarz, verspielt, verschmust und leider mit ihren acht Monaten oft allein, weil wir immer noch arbeiten mussten, da uns niemand fürs Katzensitten bezahlen wollte. Fee, so hieß (heißt auch noch) unsere Diva, beschwerte sich häufig lautstark über ihre Einsamkeit und forderte uns immer mehr Spielstunden ab. War ja auch langweilig drinnen. Nur, nach draußen durfte sie nicht, da war zu viel Verkehr. Kurz und gut, wir kamen auf die glorreiche Idee, dass zwei Katzen zusammen vielleicht mehr Spaß haben und uns weniger brauchen würden.

Dieser Gedanke führte uns zu einem ersten Besuch im Tierheim. Da wir uns ja vorher gut informiert hatten, wollten wir gerne einen Kater aufnehmen, der möglichst auch noch im gleichen Alter sein sollte, wie unsere Fee. Im Tierheim trafen wir auf Katzen jeden Alters, aller Farben, nur nicht auf das von uns gesuchte Katerchen. Wir vereinbarten einen weiteren Besuch. Diesmal hatten wir Glück. Ein „Fundkater“ war zwei Wochen vorher abgegeben worden. Die Tierpflegerin führte uns zu einem Katzenzimmer, in dem etwa zwanzig kleine Katzen durcheinander wuselten. Auf Anhieb gefielen mir ein kleines Tigerchen und eine dreifarbige kleine Schönheit. Das Katerchen, das uns schließlich gezeigt wurde, viel zuerst durch seine Größe auf. Es war ungefähr zwei Zentimeter größer als alle anderen Katzen in dem „Kinderzimmer“. Dann kam seine Farbe. Weiß mit schwarzen Flecken und rosaroter Nase. Die Ohren und der Schwanz waren schwarz, die Zeichnung auf dem Kopf ließ ihn Theo Lingen ähnlich sehen. Unter all den Damen schien er sich nicht wohl zu fühlen. Über einem Auge und auf der Nase hatte er schon signifikante Kratzer davongetragen. Kaum hatten wir den Raum betreten, lief er schon auf uns zu. Er war wirklich nicht mein Traumkater. Aber was sollten wir machen? Nie hätte ich diesen kleinen Kerl zurückweisen können.

Auf der Fahrt zu unserer Wohnung erklärte unser neues Familienmitglied uns sehr eindrücklich, dass Autofahren nicht, unter keinen Umständen, zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehören würde. Mir grauste vor der Zukunft, wenn ich mir vorstellte, dass dieses Geplärre jetzt zu unserem Alltag gehören könnte. Da wir bereits eine Fee – nach Morgaine le Fay – zu Hause hatten, tauften wir ihn noch auf der Fahrt auf den Namen Merlin. Nachdem wir ihn in seinem Knast aus dem Auto, vier Treppen hoch, bis in unsere Wohnung transportiert hatten, öffneten wir  die Tür seines Tragekorbs und  harrten gespannt der Dinge, die da kommen sollten. Unsere Diva schien vor freudiger Erwartung fast zu platzen, danach zu urteilen, wie sie an dem Korb schnüffelte und welche Geräusche sie von sich gab. Als der kleine Mann dann seine ersten Schritte aus dem Korb hinaus in sein neues Zuhause wagte, tat er dies mit vorsichtiger Neugier. Fee ließ ihm nicht viel Zeit, sich umzusehen. Zu lange schon hatte sie auf einen Spielkameraden gewartet. Kaum war er aus dem Korb gestiegen, legte sie sich schon mit dem Oberkörper flach auf den Boden, streckte das Hinterteil in die Luft und wackelte mit demselbigen. Als diese Provokation nicht zum Erfolg führte, sprang sie mit allen Vieren in die Luft und landete direkt vor seiner Nase. Das war zuviel. Merlin flüchtete zu uns und versteckte sich hinter unseren Beinen. Völlig verdattert saß unsere Fee mitten im Wohnzimmer und versuchte zu begreifen, dass sie gerade zum ersten Mal in ihrem Katzenleben verschmäht worden war. Damit nicht genug, besaß der Verbrecher, der dies gewagt hatte, auch noch die Dreistigkeit, ihre Dosenöffner in Beschlag zu nehmen.

Spätestens jetzt war uns und unserer Fee klar, dass wir nicht etwa einen Spielgefährten für unsere verwöhnte Hauptkatze, sondern eine weitere Diva, diesmal männlich bekommen hatten. Das Ende vom Lied war, dass mein Mann und ich abends jeder mit einer Katze auf dem Boden lagen und spielten, und währenddessen höllisch aufpassten dass die jeweils andere Katze dabei außer Sichtweite war, damit sich kein Eifersuchtsdrama entwickeln konnte. Wir hatten jetzt auf jeden Fall beide etwas zu tun und mussten nicht immer neidisch auf den anderen schauen, der gerade mit der Katze spielen durfte.

Merlin & Fee  –  Idylle unterm Dach
Nach seinem nicht so glücklichen Start in seiner neuen Familie zeigte sich unser Merlin uns Menschen gegenüber von seiner allerbesten Seite. Er spielte enthusiastisch mit Schaumstoffbällen, Bändchen, Stoffmäusen und ähnlichem, von Zwei- für Vierbeiner angeschafftes Spielzeug. Insbesondere ein weicher gelber Schaumstoffball hatte es ihm angetan. Einmal geworfen, schlug er ihn mit der Pfote nach unten und sprang dem hüpfenden Ball unermüdlich hinterher. Zwischendrin blieb er immer mit einer Kralle in dem Schaumstoff hängen und schüttelte die Pfote dann so lange, bis der Ball wieder frei war. Es musste aber immer derselbe Ball sein. Nie durften wir den alten gammeligen Ball gegen einen neuen austauschen. Im Schmusen war er auch ein Weltmeister. Immer wieder streckte er uns seinen weißen Bauch mit dem schwarzen Fleck entgegen, damit wir ihn ausgiebig kraulten. Nachdem seine Kratzer verheilt waren und er sich etwas von seiner Odyssee  mit dem Ziel Tierheim erholt hatte, entwickelte er sich zu einem wirklich hübschen Kater mit riesigen grünen, leuchtenden Augen. Sein Fell pflegte er mit einer Inbrunst, die wir weder vorher noch nachher in diesem Ausmaß bei anderen Katzen feststellen konnten. Auch sonst war er sehr sauber, seine Katzenschüssel wirkte immer wie gespült. Seine kleinen Geschäfte verscharrte er sorgfältig, nur mit den großen hatte er immer Probleme. Wenn wir ein wildes, lang andauerndes Scharren aus der Richtung des Katzenklos hörten, konnten wir sicher sein, dass unser Katerchen beabsichtigte eine Stinkbombe zu legen. Tief graben war ja eigentlich eine gute Idee. Oder wäre eine gute Idee gewesen, wenn kleine Kater nicht hinterher, mit abgewandter Nase und einer geziert geschüttelten Pfote, ihre Geschäfte nicht mit Streu, sondern mit Luft zugedeckt hätten. Also hieß es für uns, wenn wir das besagte Scharren hörten, in die Startlöcher, bewaffnen mit der Streuschaufel und nichts wie hin und an Katers Stelle schnell zuschaufeln. Davon abgesehen war Merlin, wir nannten ihn jetzt meistens Schnuppel, ein wirklich sauberes Katerchen. Einmal sperrten wir ihn aus Versehen über Nacht in der Küche ein, abgeschnitten von seinem Katzenklo. Er hat es geschafft, in eine angebrochene Tüte Katzenstreu zu kriechen und dort sein Geschäft zu erledigen. Wäre da nicht unsere Diva namens Fee, Mäuschen genannt, gewesen, hätten wir die perfekte harmonische Katzenfamilie sein können.

Doch ach, was vermag ein kleiner Kater gegen eine Katze, die nicht nur ältere Rechte, sondern auch einen ausgeprägten Charakter hat. Bereits bei früheren Gelegenheiten hatte Fee uns gezeigt, dass wir ihr gegenüber immer den Kürzeren ziehen würden, weil sie über die ultimative Waffe verfügte. Sie konnte nämlich schmollen. Und, Katzenhalter können dies sicher nachvollziehen, das war kein Schmollen, das man einfach ignorieren konnte. Wenn unsere Diva uns die kalte Schulter zeigte, herrschten in der Wohnung Temperaturen wie im Kühlschrank. Dann waren wir gerade noch gut genug, um sie zu füttern, vielleicht auch noch etwas spielen, aber das Berühren der Katze mit den Pfoten war verboten. Auch hörten wir dann nicht das von uns doch so begehrte Schnurren, der kleine Kopf rieb sich nicht an unserem Bein und das Bett blieb nachts katzenfrei. Bisher konnte nur eine längere Abwesenheit unsererseits ein solches Verhalten auslösen, jetzt gab es einen neuen Anlass. Eifersucht auf ihren Artgenossen veranlasste unsere Katze, nicht nur auf ebendiesen einzuprügeln, sondern auch, uns zu ignorieren. Man könnte vielleicht denken, wir sind zwei, die Katzen sind zwei, also geht die Rechnung doch auf. Nichts da, das wäre viel zu einfach. Schließlich ist der zweite Dosenöffner immer der Übriggebliebene, zweite Wahl sozusagen, und wann hätte sich eine Katze schon einmal mit der zweiten Wahl zufrieden gegeben. Unsere bestimmt nicht. Nicht der freie Schoß, nur der besetzte war interessant. Nachts im Bett mussten beide Katzen mit mir Löffelchen liegen, eine vorne, die andere hinten. Das führte dazu, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, bis ich mitten in der Nacht durch den unweigerlich folgenden Katzenkampf geweckt wurde. Allnächtliche Schlafstörungen und chronische Rückenschmerzen führten schließlich zur Verbannung der felinen Spezies aus dem Schlafzimmer. Diese Maßnahme bewirkte ein vorübergehendes Bündnis der Rivalen. Gemeinsam saßen sie mehrere Nächte vor unserer Schlafzimmertür und sangen Arien über die Ungerechtigkeit der Welt und insbesondere der ihrer ureigensten Dosenöffner. Noch  ein Ereignis verbesserte das Verhältnis von Fee und Merlin. Fee hatte in ihrer Spielwut eine Reihe leerer Blumentöpfe vom Regal gefegt und sich dabei eine Schnittverletzung an der Vorderpfote zugezogen. Da diese stark blutete, legte der Tierarzt einen Verband an, der die Pfote wie eine Socke umschloss. Unsere Katze konnte den Verband natürlich nicht leiden und versuchte ihn prompt zu entfernen. Dabei erhielt sie völlig unerwartet tatkräftige Unterstützung von Merlin dem edlen Ritter, der sich auf den roten Verband stürzte und ihn mit viel Gebrumm attackierte. Schließlich schaffte er es, seine Zähne hinein zu graben und schleppte den Verband triumphierend als Beute unters Bett.

Soweit hatten wir uns mit der Situation arrangiert, dass wir kaum noch, und wenn doch nur mit schlechtem Gewissen, weggingen, schließlich hatten die Katzen ja so wenig von uns. Dort wo andere ihre Freunde mit immer wieder erzählten Geschichten über ihre Kinder langweilen, taten wir dasselbe mit unseren Katzengeschichten. Die Krönung war der Jahrtausendwechsel. Unser sensibler Kater saß, vor Angst erstarrt, in der hintersten Ecke vom Kleiderschrank. Wir saßen abwechselnd davor und hielten Pfötchen. Trotzdem hatte er vor lauter Schreck nach Neujahr eine Verstopfung, die wir mit Rizinusöl behandeln mussten. Das dies nicht so weiter gehen konnte, wurde uns  an einem besonders heißen Sommerabend klar. Da unsere Dachwohnung sich tagsüber stark aufheizte, und wir wegen der Katzen die Fenster nicht einfach auflassen konnten (wir wohnten im 4ten Stock), war es abends unsere erste Handlung, einen Raum nach dem anderen gründlich durchzulüften. Dabei hatten wir ein Dachflächenfenster offensichtlich nicht wieder ordentlich verschlossen, denn plötzlich sah mich unser Kater statt von drinnen, von draußen an. Natürlich versuchte ich ihn nach drinnen zu locken, doch ich hatte nicht die geringste Chance. Auf der Suche nach seinem Fluchtweg sah ich gerade noch das Hinterteil unserer Katze durch ein Dachfenster nach draußen verschwinden. Damit brachen für uns zwei harte Stunden an. So lange dauerte der Ausflug über die Dächer der Stadt. Von Selbstvorwürfen geplagt, wartete immer einer von uns bei weit geöffneten Fenstern in der Wohnung, während der andere bei Nachbarn klingelte, um eventuell in fremde Dachböden eingedrungene Katzen zu befreien. Dabei hatten wir Schreckensvisionen von abgestürzten, oder von auf einem Dachboden oder in einer Wohnung versehentlich eingesperrten Katzen. Unsere Ausreißer hingegen hatten anscheinend eine schöne Zeit. Aufgeregt erzählend kamen sie nach etwa zwei Stunden wieder nach Hause. Von da an probierten sie ständig das Fenster erneut zu öffnen. Die Tapete daneben hing nach einiger Zeit in Fetzen herunter. Wir versuchten die beiden mit Ausflügen ins Treppenhaus und in den Keller zu bestechen, doch ohne Erfolg. Sie wollten ihre Freiheit und zwar ganz oder gar nicht. Die Konsequenz aus diesem Vorfall war letztendlich ein Umzug der ganzen Familie aufs Land. Sicher, auch wir wollten raus aus dem Verkehrslärm und sahen einer etwas weniger städtischen Umgebung froh entgegen, ausschlaggebend waren jedoch unsere vierfüßigen Tyrannen.

Katzen  –  Umzug mit Hindernissen
Jeder, der schon einmal eine neue Bleibe gesucht hat, weiß, dass gut Ding Weile braucht. Das gilt umso mehr, wenn man mit tierischem Anhang umziehen will. Die eine Wohnung ist zu klein, die andere liegt an einer Hauptstraße, die nächste hat einen nicht tierfreundlichen Vermieter, wieder eine andere ist definitiv zu teuer. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, da zieht man das ganze Unternehmen in Zweifel. Diesen Punkt hatten wir schon längst überschritten, als wir schließlich ein Haus besichtigten, das zumindest die Erwartungen unserer Katzen komplett erfüllte. Ländlich gelegen, waren im Höchstfall zehn Autos und zwölf Traktoren am Tag zu erwarten, die überdies aufgrund schlechter Straßenverhältnisse alle brav langsam fahren mussten. Zur täglichen Belustigung gab es Hühner, Kühe und jede Menge anderer Katzen.  Dass das Haus alt war, diverse Mängel aufwies, wir einen weiten Arbeitsweg hatten und die gewohnte Infrastruktur schlicht nicht vorhanden war, spielte keine Rolle mehr. Wir hatten eine neue Wohnung gefunden. Da wir damals einen Kombi fuhren, brachten wir einen großen Teil unserer Habe nach und nach in das neue Haus. Das Packen der Kisten dauerte dank unserer tierischen Helfer nur etwa doppelt so lange wie geplant. Dann musste der eigentliche Umzug organisiert werden. Der Umzugsunternehmer, Chef eines kleinen Familienunternehmens, kam persönlich bei uns zu Hause vorbei, um einen Kostenvoranschlag zu erstellen. Der etwas korpulente ältere Herr saß friedlich an unserem Esszimmertisch, als unser Kater plötzlich ungewohnte Gelüste bekam. Er, sonst bei Fremden scheu bis ängstlich, saß hinter dem Stuhl des Spediteurs und setzte gerade an, diesem mit den Krallen in das ausladende Hinterteil zu greifen, als mein Mann ihn in letzter Sekunde schnappte und auf den Arm nahm. Der Spediteur erzählte uns daraufhin von seiner eigenen Katze, die einmal aus Versehen in einem Umzugscontainer mit gereist war und nur mit erheblichem organisatorischem und finanziellem Aufwand wieder zurückgeholt werden konnte. Am Umzugstag packten wir zuerst das Wichtigste, unsere Katzen, ins Auto und machten uns auf den Weg zu unserem neuen Zuhause. Während der ganzen Fahrt, wir brauchten eine halbe Stunde, die uns wie zehn Stunden vorkam, veranstalteten unsere Vierbeiner ein ohrenbetäubendes Konzert. Am neuen Wohnort angekommen, brachten wir die Beiden dann unterm Dach im Arbeitszimmer unter. Dort hatten wir vorher alles katzengerecht vorbereitet und hofften, dass das Zimmer Gnade in den Augen unserer Diven finden würde. Wir schlossen die Tür zum Arbeitszimmer und unten noch die Tür zur Speichertreppe. So doppelt gesichert, konnte nichts mehr passieren, die Arbeiter konnten anrücken. Vier Stunden dauerte das Werken der Spediteure ungefähr. Dann war Ruhe im Haus, absolute Ruhe. Von den Katzen hatten wir in der ganzen Zeit keinen Ton gehört. Langsam wurde es Zeit, ihnen einen Besuch abzustatten. Wir öffneten die Tür zur Speichertreppe. Kein Laut. Wir gingen die Treppe hoch. Kein Laut. Wir öffneten die Tür zum Arbeitszimmer. Kein Laut. Nichts zu sehen. Nichts bewegte sich. Wir wurden nervös. Wir sahen in jede Ecke. Wir gerieten in Panik. Hatten die Möbelpacker statt leerer Kisten auch die Katzen eingepackt? Waren die Katzen vielleicht nach draußen gelangt? Wir stellten das ganze Haus auf den Kopf. Keine Katzen. Kein Laut. Keine Bewegung. Schließlich, beim etwa zehnten Durchsuchen des Dachzimmers, die Lösung. Beide Katzen lagen völlig regungslos zwischen zwei Matratzen, die längs an der Wand lehnten. Wir hatten sie nicht bemerkt, weil die Matratzen am Boden so dicht zusammen standen, dass es definitiv keinen Zwischenraum gab. Eigentlich sollten wir daraus die Lehre ziehen, nicht bei jedem Verschwinden einer Katze in Panik zu verfallen, leider sind wir aber unbelehrbar und werden wohl immer wieder Beruhigungsmittel brauchen.

Wilde Katzen – Die große Freiheit
Langsam gewöhnten sich unsere Stubentiger an ihr neues Domizil. Anfangs knurrten sie noch jedes Mal, wenn vor dem Fenster ein Mensch oder ein Auto auf ihrer Augenhöhe vorbeikam, sie wurden jedoch von Tag zu Tag mutiger. Fremde Katzen, die von außen vor dem Fenster saßen, wurden ungeachtet der Glasscheibe wild attackiert. Besonders interessant war auch der benachbarte Hühnerstall. Schließlich hatten die Stadtkatzen noch nie so große Vögel gesehen.

Endlich, nach 4 Wochen, kam der große Tag. Wir hatten ein Kellerfenster als Katzenausgang vorgesehen und uns in eine Holzplatte ein Loch in Katzengröße schneiden lassen. Natürlich waren wir beide zu Hause, um auf alle Eventualitäten reagieren zu können. Zunächst sah es so aus, als ob die Hauptpersonen nur frische Luft schnappen wollten, sicherheitshalber von drinnen. Dann traute sich zuerst Merlin, mittlerweile Schnüppchen genannt, in das äußere Kellerloch. Nach einer Minute Überlegen war er wie der Blitz verschwunden. Langsamer und ausnahmsweise als Zweite, folgte ihm Fee. Das große Warten konnte beginnen. Einen ganzen Tag und eine lange Nacht waren unsere Helden verschwunden. Dann kamen sie, aufgeregt und hungrig, besonders hungrig, zusammen wieder zurück.

Von da an entwickelte sich eine neue Routine. Jede Nacht stromerten zwei Stadtkatzen durch die ländliche Umgebung. Fee war morgens immer als Erste zu Hause und wartete schon auf ihr Frühstück. Merlin kam, wenn ich den Rollladen im Schlafzimmer hochzog und einmal lang pfiff, in gestrecktem Galopp aus einer Wiese den Weg hinunter aufs Haus zu geschossen.  Manchmal brachten die Beiden von ihren Abenteuern auch Beute mit. Häufig mussten Spinnen, Libellen oder Käfer dran glauben. Manchmal reichte das Jagdglück auch für Mäuse. Da der Zugang im Keller immer offen war, konnte es passieren, dass wir mit lebenden Exemplaren dieser Spezies beglückt wurden. Voller Stolz brachten dann entweder Merlin oder Fee die Maus zu uns und ließen sie prompt im Wohnzimmer laufen. Zum Glück hat keiner von uns eine Mäusephobie. Sobald die Lob heischenden Jäger abgelenkt waren, war es meine Aufgabe, die arme Maus zu fangen und möglichst unbemerkt nach draußen zu bringen. Einmal hatte ich einen derart geretteten Nager gerade draußen abgesetzt, als eine der Katzen aus der Nachbarschaft sich auf die Beute stürzte und sie nach einem Gnadenbiss unverzüglich verzehrte.

Überhaupt, die Katzen der Nachbarschaft. Da waren Evi, Beauty, Mama, Streifchen, Hinkebein, der große Rote und der kleine Rote. Damals erschien uns das viel. Heute können wir darüber nur lachen (mittlerweile sind es 15 bis 20). Aber gut, das ist eine andere Geschichte, die Katzen vom Bauernhof stellten kein Problem dar, außer dem großen Roten. Er war ein richtiger Kater, der sein Revier standhaft verteidigte. So ergab es sich, dass Merlin immer mehr auch zum Beschützer von Fee wurde. Sie ließ ihn grundsätzlich vorgehen, wenn die beiden nach draußen aufbrachen, und wenn eine fremde Katze einbrach, war es Merlins Aufgabe, das Heim zu schützen. Häufig saß Fee dann neugierig hinter Merlin und achtete sorgfältig darauf, dass sie außer Krallenreichweite blieb.

So glücklich waren die Katzen noch nie gewesen. Einen ganzen Sommer, Herbst und Winter nutzten sie ihre Freiheit täglich für lange Ausflüge. Unsere Stubentiger waren zu richtigen Freigängern mutiert.

Merlin – Wie alles endete
Die glücklichsten Zeiten dauern häufig nicht lange. Auch unser Glück mit Merlin, den wir schon lange über alles liebten, hatte keinen Bestand. Es gab keine Vorwarnung. Wir lebten sorglos  mit unseren Katzen im Hier und Jetzt. Schließlich hatten wir gefunden, was wir immer gesucht hatten. Ein Heim, in dem wir alle glücklich sein konnten. Als sich herausgestellt hatte, dass die Bauernhofkatzen nur Milch bekamen, teilten wir unser Glück auch mit ihnen in Form von Trockenfutter und immer frischem Wasser. Zum Dank durften wir die Katzengemeinschaft von unserem Wohnzimmer aus stundenlang in ihren sozialen Interaktionen beobachten. Uns erstaunte immer wieder die Harmonie, die in dieser Katzenfamilie herrschte. Der Vater ging offensichtlich mit dem Sohn auf Jagd und die Tante sittete bei Bedarf die Nichte. Gemeinsam lag man in der Sonne und putzte sich gegenseitig das Fell. Hätte uns das jemand erzählt, hätten wir es nicht geglaubt. Auch diese Harmonie wurde jedoch eines Tages empfindlich gestört. Ein neuer schwarz-weißer Kater betrat den Schauplatz. Ein alter Einzelgänger mit vielen Kampfnarben. Kurz darauf beobachteten wir den großen Roten, wir er schwer verletzt (eine Seite war aufgerissen) das Weite suchte. Angesichts dieser Verwundung erwarteten wir eigentlich nicht, dass wir ihn noch mal wieder sehen würden. Katzen haben jedoch nicht zu Unrecht den Ruf besonders zäh zu sein. Er kam wieder, er wurde gesund, nur hatte er jetzt einen Rivalen im eigenen Revier, vor dem er Angst hatte. Das Verhalten der Katzen in der Bauerhofgemeinschaft änderte sich. Es geschah nicht auf einmal, aber nach und nach breitete sich Misstrauen und Furcht aus. Immer vergewisserten sich die Katzen erst, ob der neue Kater in der Nähe war, vorher war an eine Entspannung oder an Futter nicht zu denken. Die Gemeinschaft war nicht mehr im Gleichgewicht. Doch unsere Katzen berührte das Sozialdrama draußen nur am Rande. Ein- oder zweimal versuchte der Neuankömmling in unseren Keller einzubrechen, danach ließ er unser Haus in Ruhe. Unsere Beiden waren vorsichtig und wichen jedem möglichen Ärger aus. Was dann geschah, wissen wir bis heute nicht. An einem ungewöhnlich warmen Abend im Februar, bei mir war eine dicke Grippe im Anzug, wollte unser Merlin, wie schon so oft, nicht durch das Kellerfenster, sondern durch das Badezimmerfenster nach draußen. Sonst kam er meistens spät am Abend noch mal rein, diesmal nicht. Weil die Nacht ungewöhnlich mild war, dachten wir uns noch nicht viel dabei. Als ich aber am nächsten Morgen das Schlafzimmerfenster öffnete und nach ihm pfiff, wartete ich vergebens auf den Blitz, der aus der Wiese schoss. Das war noch nie passiert. Jetzt wusste ich durchaus, dass manchmal auch kastrierte Kater länger wegbleiben. Trotzdem setzte jetzt die Panik ein. Wir mussten zur Arbeit fahren. Als wir am Abend nach Hause kamen, hofften wir, dass er uns entgegen käme. Kein Merlin. Wir suchten die ganze Umgebung ab. Wir klingelten überall in der Nachbarschaft und fragten, ob sie Merlin gesehen hätten. Wir baten alle Nachbarn, ihre Keller, Schuppen und sonstigen ungesicherten Räume zu überprüfen. Nichts, kein Merlin. Als er nach drei Tagen noch nicht wieder aufgetaucht war, druckten wir einen Handzettel aus und hingen überall Suchplakate auf. Wir telefonierten mit allen Tierärzten, Tierschutzorganisationen, dem Tierheim und gaben Anzeigen in den regionalen Amtsblättchen auf. Da unser Kater einen Chip trug, meldeten wir ihn auch beim Haustierzentralregister als vermisst. Kein Ergebnis. Jeden Morgen, wenn ich das Fenster öffnete und jeden Abend, wenn ich nach Hause kam, hoffte ich und wurde enttäuscht. Manchmal meldeten sich hilfreiche Menschen, die die Anzeige gelesen hatten. Leider war es jedes Mal ein Fehlalarm. Wir haben lange Zeit gebraucht, um den Verlust einigermaßen zu verarbeiten. Das Schlimmste für mich ist, dass ich sein Schicksal nicht kenne und mich nie richtig von ihm verabschieden konnte. Manchmal gebe ich mich der Illusion hin, dass er irgendwo ein neues Zuhause gefunden hat und dort noch mehr verwöhnt wird als von uns. Auch, wenn wir heute, Jahre später, immer noch unsere Fee haben und viele andere Katzen betreuen, fehlt uns Merlin immer noch.

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Sie ist erschienen am Dienstag, Januar 23rd, 2007 um 11:09 und findet sich in der Kategorie: Katzengeschichten, Meine Katze.
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