Es war einer von diesen kalten, dunklen Novembertagen, als Anne abends von der Arbeit zurückkam und ihn unter der Jacke trug. Ein kleiner roter Kater, etwa sechs bis acht Wochen alt.
„Oh nein!“ sagte ich, da wir bereits über 30 Katzen bei uns beherbergten. „Ja, hätte ich ihn sitzen lassen sollen?!“ fragte Anne entrüstet. „Nein, aber Du hättest ihn ins Tierheim bringen sollen!“ antwortete ich, denn dem Verein ging es zu diesem Zeitpunkt finanziell sehr schlecht, und jedes weitere Mäulchen bedeutete eine mittlere Katastrophe.
Anne erzählte, daß sie ihn weitab jeder menschlichen Behausung mitten auf der Landstraße gefunden hatte, und versuchte gleichzeitig den kleinen Kerl hervorzuholen, der sich verzweifelt an sie klammerte und schrie, sie solle ihn ja nicht loslassen, ich würde ihn bestimmt hinauswerfen, und außerdem hätte er sowieso Angst vor mir, und sie könne ihm das jetzt unmöglich antun wollen, wo er doch die ganze Zeit so brav gewesen sei.
Kaum daß ich ihn in Händen hielt, klammerte er sich an mich, beteuerte, er habe das eben ja alles nicht so gemeint, und ich würde so einen armen, kleinen Kater doch bestimmt nicht in die Kälte hinaussetzen wollen, er wüßte ja gar nicht, wo er hingehen sollte und würde bestimmt erfrieren. Wir seien doch ein Tierschutzverein, lamentierte er, und Anne hätte ihm versprochen, daß er bei uns bleiben dürfte und auch was zu essen bekäme, und er hätte jetzt wirklich ganz schrecklichen Hunger!
Also tröstete ich den kleinen Kerl und hielt ihn warm, während Anne Aufzuchtmilch anrührte. Als das Schälchen dann vor ihm stand, schaute er ziemlich ratlos drein, worauf Chicco auf den Tisch sprang und meinte, er würde die Milch gerne trinken, wenn der kleine Schreihals da keine haben wolle, wir sollten sie ja nicht wegschütten!
Anne gab also die Milch in ein Aufzuchtfläschchen, und siehe da, unser Neuzugang nuckelte fleißig drauflos und hatte ruckzuck das Fläschchen leer. Ob das alles gewesen sei, fragte er. Sie würde doch hoffentlich nicht glauben, daß er jetzt schon satt sei.
Er bekam also noch eine zweite Portion, ein kugelrundes Bäuchlein und war zufrieden. Als Anne ihn an mich zurückreichte, beschwerte er sich zwar kurz und erkundigte sich, ob wir nicht wüßten, daß Katzenbabies nach dem Essen ein bißchen ruhen und – bulps – ein, zwei Bäuerchen machen müßten, blieb aber dann ruhig und begann sogar zu schnurren.
Nach fünf Minuten fing er jedoch erneut an, sich zu beklagen und ich setzte ihn, einer inneren Stimme folgend einfach mal ins Katzenklo. Das sei aber höchste Eisenbahn gewesen, sagte er und machte prompt sein Bächlein, ob ich denn nach dem Essen eine halbe Ewigkeit einhalten könnte; Katzenkinder könnten das jedenfalls nicht, besonders wenn sie noch so klein seien!
So ging es dann den ganzen Abend weiter. Er saß bei Anne oder mir auf dem Arm, puschelte sich an und schnurrte, aber sobald wir Anstalten machten, ihn an den jeweils anderen abzugeben, klammerte er sich aus Leibeskräften fest, schrie Zeter und Mordio, er habe es ja gewußt, jetzt wollten wir ihn doch hinauswerfen, er hätte Angst und es wäre viel zu kalt und zu dunkel, nein, er würde nicht loslassen, schließlich ginge es um sein Leben und wir seien Schufte, einen armen, kleinen, hilflosen Kater so zu behandeln, – bis er sich wieder ankuscheln konnte und merkte, daß wir ihn weder hinauswerfen noch alleinlassen wollten.
Unsere Hunde fauchte er natürlich an; sie sollten ihm ja nicht zu nahe kommen, er wisse zwar nicht, was für eine Sorte Ungeheuer sie wären, aber er hätte keine Angst und würde ihnen die Nase abreißen, wenn sie versuchen sollten ihn zu verschleppen!
Sento, unser Terriermischling, war wie immer hellauf begeistert über das neue Katzenkind. Der sei ja so süß, bekundete er schwanzwedelnd, er würde sich schon um ihn kümmern, und wir sollten ihn ja nicht den anderen geben, er hätte ihn schließlich zuerst gesehen. Außerdem seien sie entfernt miteinander verwandt, wir hätten doch bestimmt schon die Ähnlichkeit bemerkt.
Auch die anderen Katzen interessierten sich sehr für den Neuzugang, und Bastet seufzte, er sei ein schwieriger Fall, und sie könne überhaupt nicht verstehen, wieso er so einen Aufstand machen würde. Aber sie sei es ja mittlerweile gewöhnt, daß wir immer wieder solche kleinen Dummköpfe anbrächten, mit denen sie und Pasqua sich dann herumärgern könnten, bis die endlich wüßten, wie man sich hier zu benehmen hätte.
Der kleine Ramses, so wollte Anne ihn nennen, preßte sich derweil fest an uns, legte die Ohren an und fauchte so furchterregend wie er nur konnte. Er kenne sie alle nicht, und er wolle sie auch nicht kennenlernen, und überhaupt hätte ihm seine Mama schon gesagt, daß er sich vor fremden Katzen hüten müsse. Sie sollten ihm ja vom Leibe bleiben.
Als es dann an der Zeit war ins Bett zu gehen, war der kleine Kerl so erschlagen von der ganzen Aufregung, daß er sich in seinem Körbchen gleich hinlegte und im selben Moment auch schon eingeschlafen war.
Und wir konnten beruhigt zu Bett gehen.
Am nächsten Morgen stand ich als erster auf und ließ die Hunde hinaus. Kaum hatte ich die Hunde wieder ins Haus und nach oben gebracht, da hörte ich Ramses schon schreien.
Er hätte Hunger bis unter die Arme! Und wo wir überhaupt gewesen seien? Er sei mitten in der Nacht wach geworden, ganz allein und verlassen, mitten zwischen all diesen riesigen Katzen, die ihn mordlüstern angefunkelt hätten; ihm sei vor Angst ganz schlecht geworden! Und wenn er jetzt nicht bald sein Frühstück bekäme, würde er ganz sicher hungers sterben!
So begann er also vom ersten Moment an, seinen Beitrag zu unserer Erziehung zu leisten, wie alle Katzen das tun, wenn sie mit Menschen zusammenleben.
Als ich am Abend wieder nachhause kam, erwartete mich ein völlig anderes Bild. Ramses hatte inzwischen festgestellt, daß die anderen Katzen ihm doch nicht ans Leben wollten und sich daran gemacht, die Wohnung zu erobern.
„Wenn Du nicht schon ‘Ramses’ heißen würdest, würde ich Dich ‘Willi’ nennen!“ sagte ich zu ihm, weil er mich mit seinem, jetzt frechen Gesichtsausdruck an einen kleinen Kater erinnerte, den wir kurz zuvor abgegeben hatten, und der weiß-rot gewesen war. „Ja, wir nennen ihn ‘Willi’!“ rief Anne aus dem Bad.
„Willst Du ‘Willi’ heißen?“ fragte ich ihn. „Jaaauu!“ maunzte er und hüpfte davon wie ein kleiner Gummiball um drei Sekunden später in umgekehrter Richtung an mir vorbeizuschießen.
„Also ‘Willi’! Aber nicht ‘Willi Winzig’, sondern ‘Willi Wirbelwind’!“ meinte ich und dann, als ich seine Kapriolen weiterverfolgte: „Nein, ‘Willi Wusel’!“ Und dabei blieb es dann.
September 23rd, 2006 at 18:18
Nette Geschichte, aber am nettesten ist doch das Foto. Das ist wirklich eine Süße.